Zwangsstörungen: Therapie und Behandlung

Person im Dunkeln (Gerd Altmann/pixelio.de)
Von Zwangsstörungen betroffene Menschen befinden sich in einem Teufelskreis. (Gerd Altmann/pixelio.de)

Wenn Ängste das Leben dominieren, ist der Zeitpunkt, wo die Behandlung ansetzt, entscheidend: Je früher, desto besser die Heilungschancen.

Zwangsgedanken wiederum sind Gedanken, Bilder oder Impulse, die sich immer wieder aufdrängen. Betroffene empfinden solche Ideen als extrem besorgniserregend. Am häufigsten finden sich Zwangsvorstellungen, die sich um Unfälle, Erkrankungen, Katastrophen oder Gewalttaten drehen und die insbesondere nahestehende Personen bedrohen sollen.

Ängste dominieren das Leben, denn den zwanghaften Gedanken sind kaum Grenzen gesetzt. Sie können sich auch auf sexuelle Inhalte beziehen, auf religiöse und moralische Fragen oder auf alles, was das Thema Ordentlichkeit betrifft.

Zahlreiche Begleitsymptome

Begleitende Symptome zu den Zwangshandlungen oder Zwangsgedanken sind oftmals eine allgemeine Nervösität der Betroffenen, ein stets beunruhigtes Verhalten, depressive Verstimmungen und ein reduziertes Selbstwertgefühl. Erschöpfungssymptome sind ebenfalls häufig, denn der stetige Kampf gegen den Zwang – ob erfolgreich oder nicht – kostet ungeheure Kraft.

Ein Teufelskreis

Die Betroffenen befinden sich in einem Teufelskreis. Sie erleben Zwangsgedanken, die für sie nicht erträglich sind und ihnen Angst machen. Bekämpft oder reagiert auf die Zwangsgedanken wird mit Zwangshandlungen, die wiederum die ausgelösten Befürchtungen am Leben erhalten. Bei 90 Prozent der Betroffenen kommen denn auch sowohl Zwangsgedanken wie auch Zwangshandlungen vor.

Hunderttausende Betroffene

Bis Mitte der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts waren Zwangserkrankungen noch relativ unbekannt. Dadurch entstand bei den Betroffenen das Gefühl, mit ihrer Erkrankung alleine zu sein. Dies erhöhte die Suizidgefahr und minimierte die Chance, sich in therapeutische Behandlung zu geben.

Heute weiß man, dass Zwangserkrankungen weiter verbreitet sind als früher angenommen. Die Dunkelziffer ist hoch, weil sich Betroffene ihrer Störung schämen und sie möglichst lang verbergen. Es dauert oft viele Jahre, bis eine korrekte Diagnose gestellt und eine angemessene Therapie eingeleitet werden kann. Fachleute gehen davon aus,  dass in Deutschland bis zu 1,5 Millionen Menschen betroffen sind.

Die Zwangsstörung ist nach den Phobien, der Depression und den Suchterkrankungen die vierthäufigste psychische Störung. Zirka 20 Prozent der Patientinnen und Patienten sind bereits in der Kindheit davon betroffen. Bei den meisten Betroffenen beginnt die Störung aber im frühen Erwachsenenalter.

Türe mit Schriftzug „Psychologe“ (Daniela B./pixelio.de)
Zwangsstörungen können mit einer Kombination aus medikamentöser und psychologischer Behandlung therapiert werden. (Daniela B./pixelio.de)

Verschiedene Faktoren verantwortlich

Wie eine Zwangserkrankung entsteht, ist trotz bemerkenswerter Fortschritte und Erkenntnisse in der Forschung noch nicht völlig geklärt. Die meisten Experten gehen davon aus, dass das Zusammenwirken verschiedener Faktoren für die Krankheit verantwortlich ist.

Häufiger Auslöser von Zwangsstörungen scheint das Zusammentreffen einer vorhandenen psychischen Verletzlichkeit, zum Beispiel aufgrund von früheren belastenden Lebensereignissen, und einer akuten psychischen Überlastung zu sein, wie die Schweizerische Gesellschaft für Zwangsstörungen schreibt. Untersuchungen von Familien und Zwillingsstudien haben wiederum gezeigt, dass auch die Gene verantwortlich sein können. Gemäß zahlreicher Studien spielt der Hirnstoffwechsel eine Rolle, da die Impulsübertragung im Gehirn von Erkrankten gestört ist.  

Behandlung so früh möglich

Je früher mit der Behandlung einer Zwangsstörung begonnen wird, desto besser sind die Prognosen. Es gibt heute Hilfen, um eine deutliche und dauerhafte Linderung der Symptome zu erreichen. Um eine Zwangsstörung erfolgreich zu therapieren, hat es sich als sinnvoll erwiesen, eine Kombination aus medikamentöser und psychologischer Behandlung anzuwenden.

Im Bereich der Psychotherapie sind sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich verhaltenstherapeutische Methoden entwickelt worden. Auch die medikamentösen Möglichkeiten sind deutlich besser als früher.

Hirnschrittmacher bringt Linderung

Seit mehreren Jahren kann bei Zwangsstörungen auch ein Hirnschrittmacher eine Linderung des Problems bringen. Bei der Methode implantieren Ärzte Elektroden in das Gehirn, die bestimmte Hirnbereiche elektrisch reizen sollen. Ziel der Therapie ist es, einen aus dem Tritt geratenen Regelkreislauf im Gehirn zu normalisieren und damit die kognitiven, emotionalen und motorischen Prozesse zu stabilisieren.

Allerdings sei der Schrittmacher kein Heilmittel, betont Benjamin Greenberg von der Brown University in Providence, der den aktuellen Stand der Forschung auf dem Jahrestreffen der American Association for the Advancement of Science (AAAS) vorstellte: Die Zwänge verschwinden nicht, sondern werden lediglich soweit gedämpft, dass die Betroffenen eine Chance bekommen, ihren Alltag einigermaßen zu meistern.

Was genau die Stimulation im Gehirn verändert, wisse man zudem noch nicht. Wunder sollte man sich also nicht erhoffen: "Die Tiefenhirnstimulation macht aus schwerstkranken Patienten lediglich durchschnittliche Patienten", zitiert SPIEGEL ONLINE den Wissenschaftler.

 

Text: Patrick Gunti - 06/2011

Fotos: pixelio.de

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