Wenn der Zwang den Alltag bestimmt

Mann sitzt vorübergebeut auf einer Bank (M.E./pixelio.de)
Betroffene ziehen sich aus der Gesellschaft zurück und werden immer einsamer. (M.E./pixelio.de)

Wir alle kennen harmlose Formen des Zwangs in unserem Alltag. Wenn jedoch das Verhalten den eigenen Willen dominiert, liegt eine sogenannte Zwangsstörung vor. Je früher diese behandelt wird, desto größer sind die Chancen auf Heilung.

Stellen Sie sich eine ganz alltägliche Situation vor: Nach dem Aufstehen verrichten Sie Ihre Morgentoilette, Sie frühstücken, trinken einen Kaffee, rauchen eventuell eine Zigarette, bügeln ein Hemd für das Meeting um neun Uhr, ziehen sich an und machen sich auf den Weg zur Arbeit. Plötzlich schleichen sich Gedanken ein: Habe ich die Kaffeemaschine ausgeschaltet? Wo habe ich den Zigarettenstummel entsorgt? Habe ich das Bügeleisen vom Strom getrennt? Habe ich die Haustüre abgesperrt?

Sie sind unsicher und kehren nach Hause zurück und stellen fest, dass alles in Ordnung ist. Erleichtert machen Sie sich nun erneut auf den Weg zur Arbeit. Wenn es sich damit erledigt hat, ist das nicht weiter schlimm. Diese täglichen Unsicherheiten gegenüber Dingen, die wir mehr oder weniger automatisch tun, sind normal.

Zwang beherrscht Verhalten gegen den eigenen Willen

Anders verhält es sich, wenn die Unsicherheit anhält und sich ein Zwang einstellt, die gleichen Dinge immer und immer wieder zu kontrollieren. Um beim Beispiel zu bleiben: Man kehrt immer wieder nach Hause zurück, um zu kontrollieren, und dies im Bewusstsein, dass es völlig unsinnig ist und man zu spät zum Meeting kommt. Der Zwang beherrscht also das Verhalten gegen den Willen der Betroffenen.

Erst wenn diese Verhaltensweisen ein derartiges Ausmaß annehmen, dass die Betroffenen darunter leiden oder deren Alltag stark beeinträchtigt ist, spricht man von einer krankhaften Zwangsstörung oder Zwangsneurose. Per Definition liegt eine Zwangsstörung vor, wenn Zwangsgedanken und Zwangshandlungen mindestens zwei Wochen lang an den meisten Tagen bestehen.

Unsicherheit und Angst

Hinter den meisten Zwangshandlungen steht die fixe Idee, dass dadurch etwas Gefährliches verhindert werden soll. Wenn die Handlungen nicht immer und immer wieder ausgeführt werden können, entsteht ein Gefühl von Unsicherheit, Angst oder Ekel. Durch die wiederholte Ausführung der Zwangshandlungen werden diese Gefühle verringert.

Die in der Öffentlichkeit vielleicht bekannteste Zwangshandlung ist das Waschen und Reinigen. Menschen, die unter einem solchen Zwang leiden, haben panische Angst vor Bakterien und Schmutz, ihr Alltag ist durch Taten und Gedanken rund um Reinlichkeit bestimmt. Betroffene lassen keinen Besuch mehr in die eigenen vier Wände, um Schmutz zu vermeiden. Bei der kleinsten Unreinheit wird das ganze Eigenheim gründlichst gereinigt.

Menschen mit einer entsprechenden Zwangsstörung geben niemandem mehr die Hand und wenn es sich nicht verhindern lässt, werden die Hände anschließend wieder und wieder gewaschen - bis sie bluten.

Von der Handlung zum Ritual

Aus Zwangshandlungen können auch Zwangsrituale werden. Die Handlungen werden in einer bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Art und Weise ausgeführt. Die Betroffenen müssen das Ritual jedes Mal in exakt derselben Weise, nach bestimmten, sorgfältig zu beachtenden Regeln durchlaufen. Kann die Handlung nicht abgeschlossen werden, entsteht weitere Angst, und das Ritual muss häufig von Anfang an wiederholt werden.