Psychologische Therapie mit Dolmetscher

beige Couch unter einem modernen Bild
Die Couch brauchen auch Personen, die kein Deutsch verstehen. Damit aber die Therapie funktioniert, ist ein Dolmetscher notwendig. (Sophisticated Living/pixelio.de)

Nicht nur Deutschsprachige sind von psychischen Problemen und Erkrankungen betroffen. Doch wie kann eine Therapie stattfinden, wenn man den Therapeuten nicht versteht? Dolmetscher sind bei therapeutischen Einsätzen besonders gefordert. Ein Einblick in diese spezielle, aber gar nicht so seltene Situation.

Als Maria* hochschwanger in die Schweiz flüchtete, erhoffte sie sich viel Gutes. Doch nebst einer starken posttraumatischen Störung litt sie auch unter Einsamkeit und dem Stress mit einem neugeborenen Baby ohne Vater. Ihr Hausarzt verordnete ihr eine Psychotherapie. Aber Maria spricht kein Wort Deutsch und ihr Therapeut kein Wort Swahili. Ein Dolmetscher musste her.

Misstrauen Schweigepflicht

Maria wollte zuerst unter keinen Umständen einen Dolmetscher. Zu groß die Angst und Scham, über das Erlebte auch noch vor einer weiteren Person zu erzählen. „Ich hatte Angst, dass die Dolmetscherin mich an die Feinde verraten würde, dass sie eines Nachts kommen und mich und mein Baby umbringen würden.“ Dem Konzept Schweigepflicht, das auch für Dolmetscher gilt, traute sie nicht.

Spricht man die Sprache seines Gegenübers nicht, befindet man sich schon in einer Abhängigkeitssituation. Doch für Traumatisierte ist es sehr schwierig, in einer Psychotherapie Vertrauen aufzubauen und sich auf jemanden zu verlassen. „Ich schämte mich, vor einer Frau, die aus meinem Land kommt, zu erzählen, dass ich vergewaltigt wurde und ein uneheliches Kind habe. Was würde die Dolmetscherin nur von mir denken?“

Holzfiguren wenden sich einander zu wie im Gespräch
Mit einem Dolmetscher lassen sich sprachliche und kulturelle Barrieren in der Psychotherapie überwinden. (S. Hofschläger/pixelio.de)

Die richtige Auswahl des Dolmetschers

Rebecca Nduhiu, Marias Dolmetscherin und kulturelle Vermittlerin, kennt die Ängste ihrer Klientinnen. „Es ist enorm wichtig, den passenden Dolmetscher zu finden. Passt das Verhältnis zwischen Dolmetscher und Klient nicht, ist die ganze Therapie sinnlos“, erklärt sie.

Dabei müsse man auf Geschlecht, Alter, Herkunft, Religion, kultureller Umkreis und politische Überzeugung achten. Je nach Herkunftsland des Patienten ist diese Auswahl mehr oder weniger sensibel. Wichtig ist auch, dass die Dolmetscher über eine hohe transkulturelle Sensibilität verfügen. „Es genügt nicht, die Sprache und die Kultur des Patienten zu kennen. Man muss auch die Sprache und Kultur des Therapeuten kennen“, betont Nduhiu.

Denn man müsse auch kulturell vermitteln, Missverständnisse erkennen und klären können. „Man muss sozusagen Experte sein für beide Seiten. Erkennt man gewisse sensible Stellen nicht, kann das die ganze Therapie beeinflussen“, so Nduhiu. Daher seien solche Dolmetscher und kulturellen Vermittler meist die zweite Generation der Einwanderer.

Psychische Belastung für Dolmetscher

Was die Patienten in der Therapie erzählen, ist häufig sehr belastend für die Dolmetscher, die ja in der Regel über keine psychologische Ausbildung verfügen. „Anfangs hatte ich große Mühe, mit dem Gehörten umgehen zu können. Maria hat Dinge vom Krieg erzählt, die auch in meiner Familie passiert sind. Es war extrem belastend für mich“, erzählt Nduhiu. Dennoch durfte sie nicht mit ihrer Familie oder Freunden darüber reden, da das bedingungslose Einhalten der Schweigepflicht nicht nur eine Vertrauensgrundlage für die Klienten darstellt, sondern auch eine juristische Pflicht ist.

Wegen dieser Belastung werden manche Dolmetscher nach der Therapie selbst noch betreut, damit sie genügend Abstand zum Erzählten gewinnen können. Dies ist nicht zu verwechseln mit einer Therapie. „Es reicht schon, wenn man einfach ‚Mann, war das krass, was sie erzählt hat!‘ ausrufen kann“, schmunzelt Nduhiu.

Zwar müssen die Dolmetscher bei Therapiegesprächen, viel intensiver als bei anderen Dolmetscheinsätzen, eine Bindung zu ihren Klienten aufbauen, aber auch Abstand wahren können. Nduhiu sagt dazu: „Therapiegespräche, gerade solche mit Kriegstraumatisierten, das kann nicht jeder dolmetschen. Es ist eine Gratwanderung.“

Bildrand: Hände in Bewegung, Hintergrund: Frau die zu der Person schaut
Auch gehörlose Patienten können einen Dolmetscher für eine Psychotherapie anfordern. (Guenter Havlena/pixelio.de)

Therapie in Gebärdensprache

Nicht nur Ausländer und Fremdsprachige brauchen Dolmetscher. Ebenso können gehörlose Menschen einen Dolmetscher für eine Therapie in Anspruch nehmen. Auch hier spielt das kulturelle Verständnis eine große Rolle.

Wie auch bei anders-sprachigen Einsätzen werden Therapiegespräche in der Ich-Form gedolmetscht. Zwar wird der Dolmetscher in einer Therapie mehr miteinbezogen, trotzdem ist immer noch das Gespräch zwischen Patient und Therapeut Mittelpunkt des Settings.

Nduhiu bringt es auf den Punkt: „Bestehen sprachliche und kulturelle Barrieren, hat eine Therapie kaum eine Chance auf Erfolg, egal in welcher Sprache.“ Deshalb rät sie auch Personen, die ein zwar ein bisschen Deutsch oder Lippen lesen können, dennoch einen Dolmetscher mit in die Therapie mitzunehmen: „Hier soll der Patient im Mittelpunkt stehen, nicht das Ringen nach Worten und Verständnis.“

Die Sicht des Therapeuten

Ein Dolmetscher bei einem Therapiegespräch dabei zu haben, hat auch für die Therapeuten Vorteile. Hier ist jemand, der die kulturellen Unterschiede und Missverständnisse überbrücken kann. Außerdem gibt die zeitliche Verzögerung dem Therapeuten mehr Zeit zum Überlegen und sich in die Situation seines Patienten einzufühlen. Auch non-verbale Zeichen können so in Ruhe beobachtet und interpretiert werden.

Für solche Settings braucht es mehr Vorbereitung und die Dolmetscher müssen vorher gebrieft und hinterher teils begleitet werden. Grundsätzlich ist es jedoch eine Chance für Patient und Therapeut, gerade für den Patienten, der sonst ohne Therapieerfolge auskommen müsste. Für Maria war die Therapie mit Dolmetscher die einzige Möglichkeit, ihr Kriegstrauma aufzuarbeiten und das Leben in der Schweiz genießen zu können.

*Name der Redaktion bekannt

 

Text: M. Plattner - 06/2012

Bilder: pixelio.de

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