Partnerschaftskonflikte müssen nicht behindern

Konflikte sind Teil einer gesunden Partnerschaft. Wer ihnen richtig begegnet, kann daraus sehr viel Positives gewinnen. (Foto: Pixelio.de, Angelina Ströbe)

Wie gehe ich mit Konflikten in der Partnerschaft um? Wie kann ich trotz Behinderung eine möglichst liebevolle und gesunde Partnerschaft führen?

Es wird hier davon ausgegangen, dass es sich um eine „feste“ Partnerschaft, eine gemeinsame lebensbegleitende Liebesbeziehung handelt, also nicht um eine Affäre, bei der von beiden Partnern von vornherein oder früh klargestellt wurde, dass es sich um nichts „Festes“ handelt und man demzufolge beidseitig nicht davon sprechen kann, dass man „zusammen“ ist.

Zwei Menschen - behindert oder nicht - sind in einer Partnerschaft gleichwertig

Sinnvoll erscheint, sich zunächst klarzumachen, dass kein Partner mehr oder weniger wert ist. Das gilt vor allem in Beziehungen zwischen nichtbehinderten und behinderten Menschen. Wenn ein Mensch sich einem anderen Menschen hierarchisch überlegen, aber auch unterlegen fühlt, zeugt das von sanften Ansätzen von Größenwahn oder Selbsterniedrigung (Masochismus). Wir sind einfach alle Menschen, Punkt.

Insbesondere wenn ein Partner eine „Behinderung“ an der eigenen Person wahrnehmen sollte. Dieser Mensch mag sich womöglich auf Grund seines Körpers  „unterlegen“ fühlen, das ist aber falsch.

Dem Partner bewusst in die Augen sehen kann ein kleines neues Beziehungsuniversum eröffnen. (Foto: Pixelio.de, wrw)

Übung

  • Sich gegenseitig in die Augen blicken und sich gemeinsam fragen: Was schaut da aus unseren Augen, was ist dieses Leben, das da aus unseren Augen schaut eigentlich? Was gibt und beiden jetzt das Leben? Macht dieses Leben in seinem Wesen Unterschiede zwischen uns? Gibt es vielleicht etwas zentral Gemeinsames, Verbindendes, das es uns ermöglicht, uns gegenseitig wahrzunehmen?

Man muss hierauf nicht unbedingt gedankliche Antworten finden, es geht wahrscheinlich eher um die dabei entstehende Atmosphäre, ums Erspüren.

Wesentlich erscheint, den Anderen so zu akzeptieren anzunehmen und zu lieben, ganz so, wie dieser Mensch in all seinen Facetten ist, möglichst bedingungslos. Dies bedeutet auch, dass von jeglichem Besitzdenken, das man gegebenenfalls hat, losgelassen wird.

Kein Mensch gehört einem anderen Menschen, wenn wir zusammen sind, sind wir in wechselseitiger Freiheit zusammen. Es bedeutet allerdings nicht, dass ich alle Eigenheiten der anderen für mich selbst „gut heißen“ und /oder übernehmen muss.

Aber vielleicht könnte es sinnvoll sein, zu reflektieren (bezüglich sämtlicher Beziehungsinteraktionen und partnerschaftlichen Kommunikationsformen), dass das, was ich am anderen womöglich als (ausgesprochen) „negativ“ wahrnehme, das, was in mir „negative“ Gefühle auslöst, womöglich etwas mit mir selbst zu tun hat.

Sind dies nicht vielleicht eigene Aspekte, die ich zwar dem Anderen zuschreibe, die aber in mir selbst vorhanden sind und die mich gegebenenfalls an mir selbst stören? Es bedeutet aber auch nicht, dass alles am Anderen nur die eigenen negativen Anteile sind.

Treue!?

Und wenn wir akzeptieren, dass wir nicht unser gegenseitiger Besitz sind, wie steht es dann um die Treue?

Hier erscheint Ehrlichkeit sinnvoll. Ehrlichkeit muss hier nicht gezwungenermaßen bedeuten, dass man monogam lebt. Aber man sollte sich in der Partnerschaft so früh wie möglich kristallklar darüber austauschen, was beide Partner unter Treue verstehen und was sie auf allen Beziehungsebenen tolerieren können und was nicht.

An diese gemeinsam, ehrlich getroffene Absprache müssen sich beide Parteien halten und falls einer seine Sichtweise diesbezüglich ändern sollte ist – man verzeihe mir den juristischen Terminus – der Andere unverzüglich darüber in Kenntnis zu setzen.

 

Halten Sie einmal den Schnabel und hören Sie Ihrem Partner mit voller Konzentration zu. (Foto: Pixelio.de, Re.Ko.)

Streitet euch nicht, guckt euch in die Augen

Wenn oft gestritten wird oder es grundsätzliche Missverständnisse und allgemeine Schwierigkeiten gibt, auseinanderdriftende Lebensentwicklungen vorliegen oder Ähnliches,  könnte es sinnvoll sein, auf folgende Methode aus der Paartherapie zurückzugreifen: 

Übung

  • Jeder Partner hat eine halbe Stunde Sprechzeit, in der er dem anderen seine gesamten Standpunkte möglichst ehrlich und freundlich darlegen kann. Der andere Partner muss in dieser Zeitspanne schweigen, auch wenn er Impulse verspüren sollte, dem anderen ins Wort zu fallen. Er sollte aufmerksam und respektvoll lauschen. Ist die halbe Stunde um, spricht der andere Partner. Auch ist es ratsam für den Zuhörer, so gut und liebevoll wie möglich zu versuchen, sich in den Redner hineinzuversetzen.

 Danach ist es empfehlenswert für eine Woche (können auch zwei Wochen sein) nichts mehr über das eben Ausgetauschte zu sprechen und die gemeinsame „Medizin des Austausches“ zu verdauen.

 

Woche für Woche gibt er psychologische Tipps für Menschen mit Behinderung
MyHandicap-Diplompsychologe Tim Glogner

Ist nach zirka zwei Wochen keinerlei Besserung eingetreten, das heißt, es konnte keine gemeinsame (von beiden Seiten empfundene) Annäherung und keine Kompromissbereitschaft erzielt werden,  kann der Vorgang noch ein paar Mal wiederholt werden.

Bleibt der gemeinsam verspürte „Erfolg“ auch nach wiederholten Vorgängen aus, ist eine möglichst versöhnliche, humane Trennung (für sämtliche Beteiligten) als sinnvollste Variante in Betracht zu ziehen.

Gern können Sie mir Ihre Erfahrungen diesbezüglich mailen: redaktion(at)myhandicap(dot)de.

 

Bis zum nächsten Mal

Ihr Tim Glogner, Diplompsycholog

Text: TGL - 3/10

Fotos: Pixelio.de
 

Sie haben noch Fragen? Stellen Sie diese gleich hier im Forum!

Links zu diesem Artikel