Elternschaft und behindertes Kind: „Die aufwühlende Zeit“

Babyfüße in Schwarzweiß
Die Geburt eines Babys ist in der Regel ein einschneidendes Erlebnis (Simbamo/pixelio.de)

Bub oder Mädchen? Hauptsache gesund! Und wenn nicht? Was dann? Tim Glogner gibt Eltern, die ein behindertes Kind bekommen, Tipps.

Der Ultraschall zeigt es an oder das Kind ist schon geboren. Es steht fest, dass Ihr Kind ziemlich sicher eine spezielle „Ausprägung“, Erkrankung oder „Behinderung“ haben könnte oder hat. Sich möglicherweise oder voraussichtlich ein Leben lang von der Alltagsnorm, dem menschlichen Durchschnitt „abheben“ könnte oder wird.

Für Sie als Eltern, die sich auf ein „gesundes“, ganz „normales“ Kind inklusive der damit verbundenen Zukunft gefreut haben, ist das möglicherweise eine sehr „aufwühlende“ Zeit.

Vieles kann Sie nun „aufwühlen“ und beschäftigen. Bestimmte Vorstellungen, Pläne, Ziele, Perspektiven können „platzen“ wie Seifenblasen. Ängste und Sorgen können auftreten.

Erhöhte Fluchttendenz bei Vätern behinderter Kinder

Es können auch bestimmte Gedanken und Rollenvorstellungen entstehen: „Mein Kind… nicht ganz ‚normal’, das ‚arme Kind’. Das bedeutet auch für mich kein ‚ganz normales’ Leben mehr, auch ich und unsere Familie sind und werden nicht/nie mehr ‚normal sein’, beziehungsweise als ‚normal’ gelten.“

Glaubt man manchen Statistiken, so kann vor allem bei Vätern folgende Tendenz auftreten: Väter verlassen manchmal die Frau, die Familie. Das kann als eine „ungestüme Flucht“ bezeichnet werden: Ich fliehe jetzt wo anders hin. Vielleicht in der Hoffnung auf ein „gesundes“ Kind, weg von diesen „nicht mehr ganz normalen“ Umständen. Das ist eine eher „ungestüme“ Haltung. Vielleicht können Sie auch eine egoistische Tendenz in diesem Zusammenhang entdecken.

Aber die hier vertretene Ansicht ist: Der Mensch ist kein „ungestümes Wesen“. Er ist „weit tiefer“, ist feiner, entwickelter. Der Mensch ist in seinen tiefen Anlagen ein edles, mutiges, bewusstes, liebevolles, soziales und schöpferisch-kreatives, sich vertiefendes Wesen. Das sind Sie, das sind wir Menschen. Also bitte besinnen Sie sich auf Ihre ursprünglichen Anlagen und „fliehen“ Sie nicht, sondern bleiben Sie bei Ihrem Partner, bei Ihrer Familie. Das ist zunächst das Allerallerwichtigste. Bleiben Sie ruhig, zuversichtlich und gesammelt.

Vater und Kind händchenhaltend am Strand
Auch mit einem behinderten Kind kann das Leben in schöne Pfade geleitet werden (frager/pixelio.de)

Ein wertvolles Leben auch mit Behinderung

Sie können sich vor Augen halten: Ein Mensch mit einer „Behinderung“ kann ein unglaublich wertvolles, sinnvolles, schönes Leben führen. Auch ist es möglich, dass man nahezu jede „Behinderung“ mit der entsprechenden Begleitung in eine positive Richtung lenken kann.

Der heranwachsende Mensch muss keinesfalls unglücklich sein oder werden. Mit dem entsprechenden, einfühlsamen Bewusstsein (auch der konkreten Wahrnehmung eines geeigneten Behandlungs- und Förderungsangebotes) ist es möglich, sein Leben in schöne Pfade zu geleiten. Viele Menschen die im „Behindertenbereich“ leben oder arbeiten, berichten, dass sie viel von „behinderten“ Menschen lernen und viel von ihnen profitieren.

Auch die familiäre Atmosphäre kann „besser“ sein, sanfter, harmonischer werden. Die Eltern können gerade im Zusammenhang mit dieser „aufwühlenden Zeit“ „zusammenwachsen“, menschlich reifen. „Aufwühlende Zeiten“ können menschliche Verbindungen auf positive Weise beeinflussen. Sehen Sie die Chance, die Liebe zu Ihrem Partner (neu) zu entdecken und / oder zu vertiefen.

Sie können die Zeit nicht mehr zurückdrehen

Männer, Väter können sich Folgendes vorstellen: Sie haben Ihre Frau und das Kind „verlassen“, sind möglicherweise eine andere zwischenmenschliche Verbindung oder Ehe eingegangen. Diese ist möglicherweise gescheitert oder auch nicht. Sie haben jetzt selbst vielleicht auch andere Kinder. Nun gehen Sie eines Tages spazieren und an einem Spielplatz sehen Sie Ihre frühere Frau mit dem „behinderten“ Kind. Vielleicht ist sie ganz alleine, vielleicht ist ein neuer Lebenspartner an ihrer Seite, das spielt nicht „die“ Rolle. Aber eines ist sicher: Sie, der Vater, „sind nicht mehr dabei“, das Leben zeigt Ihnen diese Szene und vielleicht wirkt diese Szene auf Sie. Fest steht: Sie können die Zeit nicht mehr zurückdrehen!

Falls Sie jetzt zu denen gehören, die dies hier jetzt lesen und die schon einmal „geflohen“ sind, ist es wichtig, sich keine Schuldgefühle zu machen. Diese sind unbegründet. Sie haben damals so gehandelt. Damals konnten Sie nicht anders handeln. Deshalb sind Sie ganz sicher kein „schlechter Mensch“. Jetzt (noch einmal) in der früheren Situation zu sein, ist unmöglich, also konnten Sie damals nicht anders handeln, würden wieder so handeln.

Porträt Tim Glogner
MyHandicap-Diplompsychologe Tim Glogner gibt Ihnen Lebenstipps

Jetzt allerdings können Sie vielleicht etwas Sinnvolles tun

Was aber könnte das sein? Genauso, wie sich so vieles in der gesamten Menschheitsgeschichte immer wieder wiederholt, könnten Sie, wenn Sie in der aktuellen geschilderten Lage sind, einfach anhalten und sagen: „Ich spüre zwar die Fluchttendenz in mir, aber ich werde sicher nicht „fliehen“. Ich wirke dieser Tendenz mit „Herzensaktivität“entgegen. Gelingt Ihnen das, haben Sie möglicherweise eine uralte menschliche Gewohnheit oder Konditionierung „besiegt“. Und Sie sind auch ein „Vorbild“, dass dies anderen Menschen gelingen kann. Dass sich wirklich etwas ändert. Niemand „tut“ das für Sie, nur Sie können es tun. So wesentlich sind Sie.

Und jedes Leben ist ein Vorbild für andere Leben. Wenn man ein gemeinsames, menschliches Bewusstseinsfeld annimmt, sind Sie sogar eine „Vorbild“ für Menschen, die Sie nicht direkt kennen. Vorbild bedeutet hier nicht, dass wir „besser“ als andere sind. Sondern, dass wir durch unseren Lebensausdruck ein „Bild“ erschaffen und darstellen. Wir „malen ein Bild in die Welt“. Dieses Bild kann andere „Betrachter anlocken“, diese inspirieren oder „auf lebendige Weise mitnehmen“. Das obliegt den Betrachtern.   

Der erste Teil „Elternschaft und behindertes Kind“ schließt mit der Botschaft: „Nutzen Sie diese zunächst vielleicht 'aufwühlende Zeit' als die Grundlage, um ruhig, entspannt und besonnen eine tief menschliche Familie zu gründen, mit den Menschen, von denen Sie gerade umgeben sind.

Bis zum nächsten Mal,
Ihr Tim Glogner, Diplompsychologe

Foto: pixelio.de
 

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