Krisenintervention durch stationäre Therapie

Silhouette Kopf mit Ziffernblatt (Gerd Altmann/pixelio.de)
Hoher Leistungsdruck kann eine Krisenintervention notwendig machen (Gerd Altmann/pixelio.de)

Was, wenn es kracht und man einfach nicht mehr weiter machen kann? Immer häufiger stoßen Menschen heutzutage an ihre Leistungsgrenzen. Wenn die Krise eintrifft, kann eine stationäre Therapie als Krisenintervention dabei helfen, eine Auszeit zu schaffen und das Leben neu zu organisieren.

Bei aktuen psychischen Erkrankungen ist Krisenintervention das Stichwort. Wenn ein Mensch an seine Grenzen stößt und sich akut in einer Krise befindet, vielleicht sogar eine Gefahr für sich oder andere darstellt, wird häufig eine stationäre Behandlung in einer psychiatrischen Klinik verordnet. Unter Krisenintervention wird eine kurzfristige Einflussnahme von außen verstanden, wenn sich eine Situation für eine Person akut und bedrohlich verschärft. Ziel der Krisenintervention ist es, eine kritische Entwicklung aufzuhalten und zu bewältigen. Yvonne Brühwiler von Brainjoin gibt Auskunft.

Stigmata Psychiatrie

Viele Leute denken bei Psychiatrie sofort an Zwangsjacken und Gummizelle. Doch der Aufenthalt in einer stationären Therapie sieht heute längst anders aus. Zusammen mit dem Patienten wird daran gearbeitet, das Leben wieder in den Griff zu bekommen. Mit Gesprächen und falls nötig mit Medikamenten.

Kriseninterventionen kommen zum Zug, wenn eine Person akut fremd- oder selbstgefährdet ist sowie bei Angstzuständen, Suizidialität, selbst erkanntem Rückfall oder anderen Ausnahmesituationen“, erklärt Yvonne Brühwiler, GKT-Coach bei der Firma Brainjoin. Ziel der Krisenintervention sei es jedoch nicht, den Patienten von der Menschheit fernzuhalten, sondern ihm die Möglichkeit zu einer Neuorientierung zu geben.

Selbst- versus Zwangseinweisung

Oft erkennen Betroffene nicht, dass sie dringend Hilfe benötigen. Viele gehen mit anderen „Wehwechen“ zum Arzt, der dann die Krise erkennt. „Prinzipiell können sich Menschen in Not direkt bei einer Klinik melden. Der übliche Weg ist jedoch die Einweisung durch den Hausarzt, den behandelnden Psychiater, eine ambulante Kriseninterventionsstelle, Psychiatrische Poliklinik oder durch den Amtsarzt“, sagt Brühwiler.

Besteht akute Gefahr für den Betroffenen oder für andere, kann der Amtsarzt eine Zwangseinweisung verordnen. Wie lange der Patient dann in der Klinik bleiben muss, bestimmt der Amtsarzt in Absprache mit dem Pflegepersonal vor Ort und hängt von der Art der psychischen Erkrankung ab.

„Eine weitere Möglichkeit ist, dass eine Person selbst in die Klinik kommt, bei Angstzuständen, Suizidalität, selbst erkanntem Rückfall oder anderen Ausnahmesituationen“, erklärt Brühwiler. Tritt ein Patient die Therapie freiwillig an, kann er diese auch jederzeit wieder abbrechen. „Ausnahme ist bei starker Fremd- oder Eigengefährdung. Da kann der Klinikarzt entweder den Amtsarzt beiziehen oder den Patienten eine Bestätigung unterschreiben lassen, dass der Patient gegen Anraten der Ärzte die Klinik verlässt.“

Edelstahlkugeln in verschiedenen Grössen (Thomas Siepmann/pixelio.de)
Eine stationäre Therapie als Krisenintervention bedeutet eine neue Chance (Thomas Siepmann/pixelio.de)

Eintrittsgespräche und Therapieform

Egal ob freiwillig oder zwangseingewiesen, am Anfang jeder Therapie muss herausgefunden werden, wo die Probleme des Patienten liegen und welche Therapie in Frage kommt. Brühwiler erklärt: „Der Aufnahmearzt führt mit dem Patienten ein Eintrittsgespräch, verordnet die nötigen Medikamente und eventuelle weitere Maßnahmen (zum Beispiel stündliche- oder Dauerüberwachung). Dann wird der Patient vom Pflegepersonal betreut.“

In einer stationären Therapie kann der Patient genauer beobachtet werden als zum Beispiel in einer täglichen ambulanten Therapie. „Zweck einer stationären Therapie sind bessere Überwachung, 24-Stunden-Betreuung, Möglichkeit einer Infusionstherapie und einer besser Überprüfbarkeit beim Einstellen der Medikamente“, erklärt Brühwiler.

Wie lange ein stationärer Aufenthalt dauert, hängt von der Situation ab. Laut Brühwiler kann der Aufenthalt je nach Diagnose von 24 Stunden bis zu mehreren Monaten reichen, je nach Schwere und Art der psychischen Erkrankung.

Geschlossene Abteilung

Gerade die Unsicherheit, was in einer „geschlossene Abteilung“ passiert, schreckt viele davon ab, eine Krisenintervention anzutreten. Eine geschlossene Abteilung ist jedoch kein Gefängnis. Das weiß auch Brühwiler: „Kontakte nach außen werden in der Regel nicht unterbunden, einzige Ausnahme ist die Forensik.“ Darunter versteht man den Bereich, in dem kriminelle Handlungen systematisch identifiziert und ausgeschlossen werden. In solchen Abteilungen sind beispielsweise Gewaltverbrecher mit psychischen Störungen untergebracht.

Eine geschlossene Abteilung heißt zwar, die Türen der betreffenden Station kann von innen nur vom Pflegepersonal und den Ärzten geöffnet werden. Patienten mit freiem Ausgang innerhalb des Klinikareals oder freiem Ausgang müssen sich ans Pflegepersonal wenden, wenn sie die Station verlassen möchten. Dasselbe gilt auch für Besucher.

Sinn und Zweck einer geschlossenen Abteilung ist es aber, Menschen zu schützen, die sich in Ausnahmesituationen befinden: „Alte, demente Menschen, die keine Orientierung mehr haben. Stark suizidgefährdete Menschen, Patienten, welche sich in einem Entzug befinden, akut psychotische Menschen und forensische Patienten“, zählt Brühwiler auf.

Nach der Entlassung eine neue Chance

Nach einer stationären Therapie als Krisenintervention ist die Behandlung aber noch nicht abgeschlossen. Damit der Patient nach der Entlassung nicht wieder in alte Verhaltensmuster fällt und früher oder später wieder in der Klinik landen würde, werden die meisten weiter begleitet. Wie diese Begleitung genau aussieht, hängt vom Patienten ab. Brühwiler erklärt es genauer: „Oft geht der Patient nach dem Klinikaufenthalt wieder zu seinem Psychiater, Hausarzt oder in die Psychiatrische Poliklinik. Manche gehen weiterhin ambulant zu ihrem Arzt aus der Klinik oder es werden gemeinsam mit dem Patienten Nachbetreuungsmöglichkeiten gesucht.“

Eine stationäre Therapie als Krisenintervention kann eine Chance für Betroffene sein, ihr Leben neu zu überdenken und zu organisieren.

 

Text: M. Plattner - 06/2012

Bilder: pixelio.de

Sie haben noch Fragen? Stellen Sie diese gleich hier im Forum!