Postnatale Depression: Erkrankung statt Mutterglück

Eine glückliche Mutter hält ihr Baby (Bild: Salih Ucar/pixelio.de)
Die Freude auf das neugeborene Kind ist nicht bei jeder Mutter selbstverständlich. (Bild: Salih Ucar/pixelio.de)

Mit der Geburt eines Kindes sind unbeschreibliche Glücksgefühle verbunden. Doch statt einer wundervollen Zeit erleben viele Frauen postnatal eine Depression, aus der sie ohne fachliche Hilfe nur schwer herausfinden.

Süße Babys, glückliche Mütter und Väter ? diese Vorstellung und unendlich viele gute Ratschläge begleiten eine Frau durch ihre Schwangerschaft. Doch dieses Bild stimmt vielfach nicht mit der Realität überein: 10 bis 20 Prozent der Frauen, die zum ersten Mal Mutter werden, leiden unter Postnataler Depression (PND), auch Wochenbettdepression oder medizinisch korrekt Postpartale Depression (PPD) genannt.

Die Postnatale Depression ist nicht zu verwechseln mit dem sogenannten ?Baby Blues? oder den ?Heultagen? nach einer Geburt. Ein kurzes Stimmungstief und Gefühlsausbrüche sind nach einer Geburt völlig normal. Sie vergehen nach wenigen Tagen wieder.

Traurigkeit, Desinteresse, Schuldgefühle?

Nicht so bei einer Postnatalen Depression. Entweder klingen die Symptome nicht mehr ab, oder die Depression entsteht im ersten Jahr, in den meisten Fällen zwischen der vierten und sechsten Woche nach der Geburt, und entwickelt sich danach langsam. Experten gehen davon aus, dass diese Form der Depression oft bereits während der Schwangerschaft beginnt, aber unbemerkt bleibt.

Die Symptome unterscheiden sich von Frau zu Frau, am häufigsten treten Traurigkeit, Müdigkeit, Leeregefühl, Desinteresse, Schlafstörungen, Reizbarkeit, übermäßige Ängste und Sorgen, zwiespältige Gefühle dem Kind gegenüber und auch Suizidgedanken auf. Hinzu kommen Schuldgefühle. Viele Mütter schämen sich für ihre Beschwerden und ihr Verhalten. Sie fühlen sich schuldig, weil sie ihr Kind nicht so lieben können, wie sie es gerne würden. Und sie schämen sich dafür, dass sie ihre eigenen Erwartungen und die der Gesellschaft nicht erfüllen können.

Eine schwerere, aber auch deutlich seltenere Form der Postnatalen Depression ist die Postnatale Psychose. In den ersten zwei Wochen nach der Geburt erleiden etwa 2 von 1000 Frauen eine schwere psychische Krise, in deren Verlauf sie den Kontakt zur Realität verlieren. Eine solche Psychose kann sich zum Beispiel durch Wahnvorstellungen, stark übertriebene Aktivität oder extreme Ängste äußern und muss umgehend behandelt werden.

Verschiedene Faktoren für PND verantwortlich

Über die Ursachen der Postnatalen Depression sind sich die Experten nicht einig. Die Fachwelt geht aber weitestgehend davon aus, dass für die Krankheit verschiedene Faktoren verantwortlich sind: physische, psychische, hormonelle, biochemische, soziale und gesellschaftliche. Die Anzahl und die Intensität der einzelnen Belastungsfaktoren bestimmt das Ausmaß der Postnatalen Depression.

Die Krankheit aus dem Nichts

Eben noch war alles in Ordnung, das Glück perfekt, und plötzlich erkrankt man. Für viele Betroffene kommt die Postnatale Depression tatsächlich aus dem Nichts. Gemäß verschiedenen Untersuchungen scheint es aber Situationen zu geben, die das Risiko erhöhen.

So erkranken Frauen häufiger, wenn sie bereits früher an Depressionen gelitten haben, sie während der Schwangerschaft deprimiert waren, sie noch ein Kind waren, als die Mutter starb, oder bei einem noch nicht lange zurückliegenden Verlust eines nahestehenden Menschen. Auch wenn Partner und Familie nicht in der Nähe sind, das Baby zu früh geboren wurde oder bei finanziellen Schwierigkeiten, Jobverlust und anderen Turbulenzen erhöht sich das Risiko, an einer Postnatalen Depression zu erkranken.

Diagnose nicht leicht zu stellen

Postnatale Depressionen können unbehandelt schwere Langzeitfolgen sowohl für die Mutter als auch für das Kind und die ganze Familie haben. Oftmals ist eine Depression aber nicht leicht zu erkennen, weder für die Betroffene noch für die Angehörigen. Verschärfend kommt hinzu, dass Frauen in diesen Situationen oft still vor sich hinleiden. In medizinischer Behandlung wird die Diagnose sehr oft mittels der Patientengeschichte, strukturierten Interviews sowie des Fragebogens Edinburgh Postnatal Depression Scale EPDS gestellt.

Dieser wurde 1987 eingeführt und speziell entwickelt, um Depressionen bei Müttern in üblichen Betreuungssituationen nach der Geburt zu entdecken oder bereits im Vorfeld die Risiken zu eruieren. Er ersetzt zwar keine Diagnose, gibt aber einen Hinweis darauf, ob genauere Abklärungen vorgenommen werden sollten.

Prävention vor einer Postnatalen Depression möglich?

Bei der Prävention einer Postnatalen Depression ist der Stellenwert der Organisation des Lebens nach der Geburt nicht zu unterschätzen. So empfehlen Experten nichts Größeres wie  zum Beispiel Umzüge zu planen, sich Unterstützung durch Familienangehörige, Freundinnen oder Haushaltshilfen zu sichern, den „neuen“ Alltag mit dem Säugling zu organisieren und geeignete Betreuungsmöglichkeiten zu finden.

Außerdem sollte bei der Wahl von Gynäkologin oder Gynäkologen und der Hebamme darauf geachtet werden, dass diese positiv unterstützend wirken und auch nach der Entbindung für Gespräche zur Verfügung stehen. Außerdem gilt es als erwiesen, dass strikte Ruhe nach der Entbindung und in den nachfolgenden Wochen das Erkrankungsrisiko senken helfen.

Verschiedene Therapieformen

Als Therapieformen einer PND gelten sowohl die Behandlung mit Antidepressiva wie auch Einzel-, Paar- und Gruppentherapien für angebracht. Antidepressiva unterstützen das körpereigene Botenstoffsystem im Hirn dabei, wieder ins Lot zu kommen. Dabei muss mit dem Arzt abgeklärt werden, ob bei einer Einnahme von Antidepressiva weiter gestillt werden kann.

Eine Therapie kann helfen, sich auf die neue Situation einzustellen, Fragen des eigenen Anspruchs zu klären und sich besser abzugrenzen. Ärzte, Berater und Selbsthilfegruppen sind wichtige Ansprechpartner auf dem Weg zur geeigneten Therapie. Leidet die Mutter an einer schweren Depression, muss sie stationär behandelt werden. 

Das wichtige Umfeld bei einer Postnatalen Depression

Auch das persönliche Umfeld – vor allem der Partner - kann eine Frau, die an einer Postnatalen Depression leidet, unterstützen. Die Organisation „Postnatale Depression Schweiz“ führt dazu u.a. auf:

  • Zuhören, Geduld und Verständnis zeigen und negative Gefühle und Gedanken der Frau nicht bagatellisieren oder werten.
  • Ermutigen, Zeit für sich selber zu nehmen.
  • So oft wie möglich für die Partnerin da sein.
  • Nicht auf Streit einsteigen.
  • Die Frau in dem bestärken, was sie macht und sie loben.
  • Immer wieder darauf hinweisen, dass die Krankheit abklingen und schliesslich ganz heilen wird.
  • Versuchen, die Erwartungen der Frau an sich selbst zu mindern, indem sie daran erinnert wird, dass Haushalt und Pflege des Kindes auch Aufgabe des Vaters ist.
  • Die Frau in ihrem Teil- oder Vollzeitberuf als Hausfrau und Mutter so stark wie möglich entlasten, ohne ihr alles abzunehmen.
  • Dafür sorgen, dass die Kindesmutter jede Nacht mindestens fünf Stunden am Stück schlafen kann.
  • Wichtige Entscheidungen abnehmen.
  • Die Frau mit Dingen verwöhnen, die sie gerne mag.
  • Dafür sorgen, dass sie sich ärztliche Behandlung begibt und dass sie verschriebene Medikamente regelmässig einnimmt.

Gleichzeitig ist es für den Partner einer an Postnataler Depression erkrankten Frau sehr wichtig, sich selber nicht aus den Augen zu verlieren. Der Mann ist durch die Doppelbelastung der neuen Lebenssituation als Vater sowie als Partner einer erkrankten Frau selber einem erhöhten Risiko ausgesetzt, psychisch zu erkranken.

Auch Männer leiden daran

Generell haben Studien gezeigt, dass der Gefahr einer Postnatalen Depression bei Vätern mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Wissenschaftler der Eastern Virginia Medical School in Norfolk kamen im letzten Jahr nach der Analyse von 43 internationalen Studien mit 28.000 Probanden zum Schluss, dass rund zehn Prozent aller Väter eine Depression durchleben, die ihren Höhepunkt drei bis sechs Monate nach der Geburt des Kindes erreicht.

In den ersten drei Monaten überwog das Vaterglück stärker: Nur 7,7 Prozent der Väter erlebten eine Depression. Und: Das Seelentief der Väter verlief nur manchmal parallel zur Depression der Kindsmutter.


Text: P. Gunti
Bild: pixelio.de

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