Arbeitslosigkeit erhöht die Depressionsgefahr

Ein nachdenklicher Mann lehnt sich an einen Baum  (Foto: DAK-Gesundheit)
Arbeitslos zu sein bringt viele Menschen in psychische Schwierigkeiten (Foto: DAK-Gesundheit)

Die Arbeit ist ein wichtiger Pfeiler des menschlichen Daseins. Bricht dieser Pfeiler weg und man wird arbeitslos, steigt für Betroffene die Gefahr einer psychischen Krankheit wie Depression. Häufig werden die Erkrankungen aber nicht erkannt.

In der EU waren im Februar dieses Jahres 24,55 Millionen Menschen arbeitslos. Die Arbeitslosenquote von 10,2 Prozent ist die höchste seit 1997. In Spanien und Griechenland war jeder zweite Jugendliche unter 25 Jahren ohne Arbeit. Auch in Deutschland waren im März über drei Millionen Menschen von Arbeitslosigkeit betroffen, die Quote betrug 7,2 Prozent. Mit einer Quote von 3,4 Prozent schafft es die Schweiz vergleichsweise gut durch die Krise.

Arbeitslosigkeit: Ein großer Einschnitt ins Leben

Nicht für alle dieser Menschen ist die Arbeitslosigkeit gleich schlimm. Die staatliche Unterstützung ist unterschiedlich und es gibt Menschen, die die Zuversicht nicht verlieren, die in der Arbeitslosigkeit auch die Chance für einen Neuanfang sehen. Für ganz viele Betroffene ist sie aber ein großer Einschnitt. Oft sind psychische Erkrankungen wie eine Depression die Folge.

Arbeit als Mittelpunkt des Lebens

Ein Grund für die Probleme, die Arbeitslosigkeit mit sich bringt, ist in unserer Einstellung zur Arbeit zu suchen. In der Antike war Arbeit noch verpönt. Und auch im Mittelalter wurde Arbeit bis zur Reformation noch als Mühsal, ja eigentliche Strafe aufgefasst. Erst viel später entwickelte sich die sogenannte protestantische Arbeitsethik. Sie ist gekennzeichnet durch die Vorstellung von Arbeit als Pflicht und von der Arbeit als Mittelpunkt des Lebens, um den herum die Freizeit gestaltet wird.

Als Grundmodell dienen diese Vorstellungen heute noch, aber natürlich ist die Entwicklung fortgeschritten. Arbeit muss heute nicht Pflicht sein und einzig dem Broterwerb dienen. Sie kann mit Leidenschaft erfüllt werden, sie kann Spaß und Freude machen. Sie kann spannend und herausfordernd sein. Arbeitszeitmodelle ermöglichen heute mehr Flexibilität. Und Unternehmen sind heute sehr oft auch ein Teil des sozialen Lebens der Beschäftigten.

Eine Absageschreiben auf eine Stellenbewerbung (Claudia Hautumn/pixelio.de)
Die Absagen auf Stellenbewerbungen schwächen das Selbstwertgefühl von arbeitslosen Menschen (Claudia Hautumn/pixelio.de)

Der ökonomische Faktor

Als weitere Gründe für die häufig auftretenden psychischen Probleme nennt Mohr, dass Menschen die nicht arbeiten, in der Gesellschaft diskriminiert und stigmatisiert würden. Der Druck, jeden Tag mit zum Teil sehr wenig Geld auskommen zu müssen, ist ein weiterer Stressfaktor.

Und nicht nur der Ausbruch einer Depression ist von sozialen Umständen abhängig, sondern auch der weitere Verlauf. Der Depressionsforscher Kenneth Kendler hat herausgefunden, dass ökonomische Schwierigkeiten sich am ungünstigsten auf die depressive Entwicklung auswirken.

Arbeitslose häufiger von einer Depression betroffen

Die Arbeit ist also ein Hauptpfeiler des menschlichen Daseins. Und entsprechend dramatisch können die Folgen sein, wenn dieser Pfeiler wegbricht, oft von einem Tag auf den anderen. So haben Studien ergeben, dass Arbeitslose häufiger von psychischen Krankheiten wie einer Depression betroffen sind als Erwerbstätige. Untersuchungen haben gezeigt, dass insbesondere den ersten depressiven Episoden eine psychosoziale Belastungssituation vorausgeht.

Laut der Psychologin Gisela Mohr von der Universität Leipzig belastet viele Arbeitslose der Zwang, möglichst schnell wieder eine Arbeit und zurück zur oben erwähnten protestantischen Arbeitsethik zu finden. "Je höher die Arbeitsorientierung bei einem Menschen ist, umso stärker sind die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit in der Situation der aussichtslosen Arbeitslosigkeit."

Ausbruch einer Depression ist von sozialen Umständen abhängig, sondern auch der weitere Verlauf. Der Depressionsforscher Kenneth Kendler hat herausgefunden, dass ökonomische Schwierigkeiten sich am ungünstigsten auf die depressive Entwicklung auswirken.

Darstellung eines Mannes in einer Gruppe (Stephanie Hofschlaeger/pixelio.de)
Arbeitslosigkeit bedeutet auch, nicht mehr dazuzugehören. Betroffene fühlen sich alleine (Stephanie Hofschlaeger/pixelio.de)

Wenn das soziale Umfeld wegbricht

Auch die Anforderung, dass Betroffene für eine neue Stelle bereit sein sollten, ihren Wohnort zu wechseln, wirkt sich nach Mohrs Einschätzung negativ auf die psychische Gesundheit aus. "Vor allem, wenn man eine Familie hat, ist das ein großes Problem", schätzt Mohr. "Bei jedem Umzug verliert man sein soziales Umfeld und muss sich ein neues aufbauen", warnt sie. Dabei sei ein gutes soziales Netz wichtig für Arbeitslose. Es könne ihnen helfen, eine neue Arbeit zu finden.

Ablehnung schwächt das Selbstwertgefühl

Der psychischen Gesundheit ebenfalls nicht förderlich ist nach Ansicht Mohrs die Anforderung, möglichst viele Bewerbungen in einem definierten Zeitraum zu verschicken. Werden die Vorgaben nicht eingehalten, droht eine Leistungskürzung. Dabei ist gemäß der Psychologin kein Zusammenhang feststellbar, dass viele Bewerbungen die Erfolgsaussichten verbessern würden. Hingegen würden viele erfolglose Bewerbungen die psychische Gesundheit gefährden. Jede Ablehnung oder Absage gelte als Misserfolg und schwäche das Selbstwertgefühl.

Psychische Erkrankungen bei Arbeitslosigkeit oft nicht erkannt

Es gibt also zahlreiche Ursachen, die bei Arbeitslosen zum Beispiel zu einer Depression führen können. Erkannt werden die Erkrankungen aber in vielen Fällen nicht. Eine Untersuchung hat gezeigt, dass nur die Hälfte der Frauen und von den Männern gar keiner in Behandlung war, die Symptome einer Depression aufgewiesen hatten. Laut Gisela Mohr hat das mit dem Menschenbild zu tun: "Wenn man denkt, Arbeitslose seien faul, interpretiert man die Antriebslosigkeit, die bei Depressiven vorkommt, in diesem Sinne und erkennt die Krankheit nicht."


Text: Patrick Gunti – 04/2012

Fotos: DAK / pixelio.de

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