Stroke Unit: Wenn jede Minute zählt

Alt: Eine Pflegekraft überprüft die Werte eines Patienten. (Foto: BVMed / B. Braun Melsungen AG)
In einer Stroke Unit sind Fachexperten rund um die Uhr für Schlaganfall-Patienten da. (Foto: BVMed / B. Braun Melsungen AG)

Ein Schlaganfall (Hirnschlag) ist ein Notfall. Jede Minute zählt. Für den Heilungsverlauf ist die schnellstmögliche intensivmedizinische und interdisziplinäre Behandlung von größter Bedeutung. Diese bekommen Patienten in sogenannten Stroke Units, speziellen Krankenhaus-Abteilungen zur Erstbehandlung von Schlaganfällen.

In Deutschland erleiden jedes Jahr mehr als 260.000 Menschen einen Schlaganfall (Hirnschlag), etwa 63.000 Menschen sterben nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie daran. Darüber hinaus ist der Schlaganfall die häufigste Ursache für mittlere und schwere Behinderung.

Beim Schlaganfall kommt es auf jede Minute an: je früher die Behandlung zum Beispiel mit einer Thrombolyse beginnt, desto besser sind die Ergebnisse. Aus diesem Grund hat man zu Beginn der 1990er Jahre mit dem Aufbau sogenannter Stroke Units zur Behandlung begonnen. In Deutschland wurde eine solche Spezialstation 1990 erstmals in München-Harlaching am Städtischen Klinikum eingerichtet.

Stroke Unit mit Spezialistenteams

In einer Stroke Unit ist ein multidisziplinär zusammengestelltes Team rund um die Uhr für die Aufnahme, die Akutbehandlung, die Therapie, die Überwachung sowie erste Rehabilitationsmaßnahmen von Patienten zuständig, die einen Schlaganfall beziehungsweise Hirnschlag erlitten haben.

Das Stroke Team in einer Stroke Unit besteht aus Neurologen, Neuroradiologen, Neurochirurgen, Anästhesisten, Intensivmedizinern, Notfallmedizinern, Kardiologen, Gefäßchirurgen, Internisten, Rehabiliations-Spezialisten, spezialisierten Pflegefachkräften, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden.

Zu den Maßnahmen und Aufgaben eines Stroke Teams gehören:

  • eine umfassende Diagnostik. Die Spezialisten aus den verschiedenen Fachrichtungen arbeiten zusammen, führen schnellstmöglich Untersuchungen durch und entscheiden über die bestmögliche Behandlung.
  • Notfallbehandlung mit allen Möglichkeiten für ein Wiedereröffnen eines verschlossenen Hirngefäßes oder das Stillen einer Blutung und anschließende Nachbehandlung.
  • spezifische Behandlung und Diagnostik zum Erkennen der Ursachen des Schlaganfalls.
  • Einleitung einer Prophylaxe zur Vermeidung weiterer Schlaganfälle.
  • kontinuierliche Überwachung der Patienten zur Erkennung und Vermeidung neurologischer und internistischer Komplikationen.
  • engmaschige Überwachung in Hinblick auf Atmung, Herz-Kreislauf, Flüssigkeitshaushalt, Blutzucker und Temperatur.
  • optimale Einstellung von Blutdruck, Puls, Sauerstoffsättigung und Atmung.
  • intensive Frührehabilitation (Logopädie, Physiotherapie, Ergotherapie).

Stroke Units: Effektivität nachgewiesen

Stroke Units haben sich zur Behandlung von Patienten, die einen Schlaganfall erlitten haben, als sehr effektiv herausgestellt. In zahlreichen Studien konnte belegt werden, dass Patienten, die in Stroke Units behandelt werden, eine höhere Überlebenschance haben, als Patienten, die eine herkömmliche, weniger strukturierte Behandlung erfuhren. Ferner erlangen Patienten der Stroke Units ihre Selbstständigkeit früher zurück und können anschließend wieder nach Hause.

Alt: Eine Patientin wird von Fachpersonal auf eine Krankenhaus-Abteilung verlegt.  (Foto:  BVMed / B. Braun Melsungen AG)
Bei einem Schlaganfall kann die schnellstmögliche Zuweisung an eine Stroke Unit Leben retten. (Foto: BVMed / B. Braun Melsungen AG)

Schnelle Diagnostik und Behandlung

"Je weniger Zeit zwischen Schlaganfall und Behandlung vergeht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Hirngewebe retten lässt", erklärt Dr. Stefan Wolff, Neurologe und Schlaganfall-Experte am Stadtspital Triemli in Zürich, das seit kurzem über eine Organisationseinheit verfügt, in der ausschließlich Patienten mit einem Schlaganfall behandelt werden.

Kriterienkatalog legt Standards für Stroke Units fest

Die Zahl der Stroke Units in Deutschland hat in den letzten Jahren stark zugenommen. 2012 verfügten über 200 Krankenhäuser über eine entsprechende Station. Zusammen mit der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe entwickelte die Deutsche Gesellschaft für Neurologie einen Kriterienkatalog, der die strukturellen und personellen Voraussetzungen sowie die Standards festlegt. Dazu gehören beispielsweise die Anzahl der verfügbaren Betten und moderne Technik für Diagnostik und Monitoring zur Überwachung des Patienten.

Stroke Unit muss sich zertifizieren lassen

Sowohl die auf einer Stroke Unit tätigen Ärzte als auch insbesondere das Pflegepersonal werden von der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) für ihre Tätigkeit qualifiziert. Alle drei Jahre muss sich eine Stroke Unit erneut zertifizieren lassen. Die Fachgesellschaft prüft zudem fortwährend, was eine Stroke Unit medizinisch leisten sollte und erweitert den Katalog.

2012 hat die DSG neue Kriterien zur Zertifizierung vorgelegt. Nach Aussagen von Generalsekretär Professor Dr. med. Otto Busse erhöhen die aktuellen Anforderungen erneut die Qualitätsstandards und fordern die Betreiber auf, über die Minimalvorgaben hinauszugehen.

Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute

Dies alles dient dazu, dass Schlaganfall-Patienten in den Stroke Units schnell und effektiv behandelt werden können. Wichtig ist aber, dass die Patienten schnellstmöglich die Klinik aufsuchen oder ihr zugewiesen werden. Denn die Behandlung in den ersten drei bis vier Stunden nach einem Schlaganfall kann für den weiteren Krankheitsverlauf entscheidend sein.

Das Konzept der Mobile Stroke Unit

Prof. Dr. med. Klaus Faßbender und Dr. Silke Walter von der Universitätsklinik des Saarlands in Homburg und ihre Kollegen haben das Konzept der Stroke Unit erweitert und eine mobile Stroke Unit entwickelt. Dabei handelt es sich um einen speziell ausgerüsteten Rettungswagen, in dem die gesamte Schlaganfall-Diagnostik auf dem Weg in die Klinik gemacht wird. Dadurch kann die Behandlung schneller eingeleitet und rascher über die beste Zuweisung entschieden werden.

Studienergebnissen zufolge stand beim Einsatz der mobilen Stroke-Unit für 57 Prozent der Patienten schon in der ersten Stunde nach dem Beginn der Symptome fest, wie sie behandelt werden müssen, bei der üblichen Akutbehandlung waren es nur vier Prozent.

 

Text: Patrick Gunti - 02/2013

Fotos: BVMed / B. Braun Melsungen AG
 

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