Nach dem Schlaganfall - Ziel: weitestgehende Selbstständigkeit

Porträts von Prof. Dr. Schäbitz und Dr. Nolte
Prof. Dr. Schäbitz vom EvKB und Dr. Nolte von der Berliner Charité

Detlev: Demut dem Leben gegenüber

„Und letzten Endes hängt es auch vom Betroffenen selbst ab, wie weit er bereit ist, an sich zu arbeiten und möglicherweise auch seine Lebensgewohnheiten umzustellen“, erklärt Schäbitz.

Detlev Feierabend weiß genau, was damit gemeint ist. Auch wenn er in der Reha schnell lernte, mit dem Stock zu gehen, hat er sich bereits mit seinem E-Rollstuhl arrangiert. „Ich habe den Schlaganfall und seine Folgen akzeptiert. Ich leide, was ich leiden muss und genieße, was ich genießen kann.“

Dieselbe Einstellung hat auch Isabel Martini. Die heute 35-Jährige hatte ihren Schlaganfall vor fünf Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war sie von einer psychischen Erkrankung auf bestem Wege zurück ins Leben. Danach verlor sie ihre Fähigkeit zu gehen, bis heute. Nachdem ihre Reha nicht wie erwartet verlief – es kam eine extreme Spastik in ihrer linken Körperhälfte hinzu –, litt Martini unter heftigsten Depressionen.

Rehaerfolg ist auch Einstellungssache

Erst als die Rollstuhlfahrerin ihren heutigen Lebensgefährten sowie später einen neuen Job – beide über MyHandicap – fand, bekam sie ihr Leben wieder in den Griff. Ihr Partner, der wie sie einen Schlaganfall erlitten hatte, kann im Gegensatz zu ihr wieder laufen. Von ihm lässt sie sich immer wieder aufs neue Mut machen.

„Heute schmeiße ich neben meinem Job noch meinen Haushalt größtenteils alleine, kaufe selber ein, erledige meine Ämter- und Behördenwege selbst und bekoche mich auch selber, soweit das alleine machbar ist“, erzählt Martini von ihrem „neuen“ Leben. Noch vor einem Jahr hätte sie sich ein so selbständiges Leben nie und nimmer zugetraut.

Martini ist ein gutes Beispiel dafür, was nach einem Schlaganfall möglich sein kann. „Man kann sich selbst ganz neu entdecken und ist manchmal überrascht, was so alles an verborgenen Talenten in einem stecken. Not kann verdammt erfinderisch machen“, sagt sie selbstbewusst.

Ziel: weitestgehende Selbstständigkeit

Martini hat ihren Weg gefunden. „Nicht jede Therapieform ist für jeden Patienten gleich gut geeignet. Möglicherweise kann eine andere Therapieform bessere Erfolge erzielen“, sind sich Nolte und Schäbitz einig.

Für Schlaganfallpatienten gibt es eine Vielzahl an Therapien. Dazu sagt Nolte: „Etablierte Therapieformen sind die Krankengymnastik, die Ergotherapie und die Sprachtherapie. Moderne Therapien sind beispielsweise die „forced use“-Therapie (dabei wird das gesunde Körperteil für die Dauer der Therapie festgebunden, damit der Betroffene „gezwungen“ wird, das andere Körperteil zu einzusetzen) oder die Spiegeltherapie.“

Bei kognitiven und psychischen Störungen kann eine neuropsychologische Therapie angesetzt werden, ergänzt Schäbitz. Er weist darauf hin, dass wissenschaftliche Studien Rehabilitationserfolge belegen. „Dabei ist Erfolg in vielen Fällen aber nicht im Sinne einer ‚Heilung’ zu verstehen, sondern als Fortschritt des Einzelnen im Hinblick auf das Rehabilitationsziel ‚weitestgehende Selbstständigkeit’“, erklärt er.

Welche ist die richtige Therapie für mich?

Welche Therapien Betroffene eingehen sollen, erörtert man am besten mit seinem Therapeuten und natürlich auch mit dem behandelnden Arzt, idealerweise einem Facharzt. „In jedem Fall sollte sich der Betroffene über Unterstützungsmöglichkeiten informieren“, sagt Nolte – zum Beispiel beim Servicepunkt Schlaganfall in Berlin. Und die Deutsche Schlaganfall-Hilfe bietet einen kostenlosen Telefonservice an, bei dem der Expertenrat Fragen rund um den Schlaganfall beantwortet.

Auch der Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe und somit der Austausch mit anderen Betroffenen kann hilfreich sein. Dazu führt das Schlaganfall-Portal eine Liste mit Kontaktdaten zu Selbsthilfegruppen in ganz Deutschland. Dort finden Sie ebenfalls Links zu Betroffenenwebseiten und Erfahrungsberichte.

Und – weil im Falle eines Schlaganfalls jede Minute zählt – wissen Sie eigentlich, wo sich Ihre nächste Stroke Unit befindet? Das verrät Ihnen die Webseite von der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft, wo Sie nur noch den Zielort angeben müssen.


Text: Thomas Mitterhuber – 02/2011

Fotos: Berliner Charité, EvKB, pixelio.de

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