Aphasie: wenn die Sprache behindert ist

eine Person versucht mit einem anderen zu kommunizieren, aber der andere versteht gar nichts
Wenn Kommunikation zur Behinderung wird – Schlaganfallpatienten haben oft mit akuter oder chronischer Aphasie zu kämpfen (geralt/pixelio.de)

Die Sprache ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel. Mit ihr erhalten wir direkten Zugang zu unseren Mitmenschen und ist in jedem Leben von zentraler Bedeutung. Doch wer an einem Sprachverlust (Aphasie) erkrankt, ist in seinem familiären, sozialen und beruflichen Leben sehr stark beeinträchtigt.

Vor ihrer Erkrankung war die junge Ärztin Helga Weber* jemand, der das Leben in vollen Zügen genoss. Sie liebte ihren Beruf, war nebenbei begeisterte Leichtathletin und reiste gerne in ferne Länder. Ende 1995 geschieht das Undenkbare.

Eines Morgens verliert Helga Weber in ihrer Wohnung das Gleichgewicht und fällt mehrmals um. Ihre rechte Körperhälfte ist benommen. Als sie den Notarzt anruft, versagt der jungen Frau die Stimme. Nur einen einzigen Laut bringt sie hervor. Im Krankenhaus erfährt Helga Weber die Diagnose: Sie leidet an einer Aphasie als Folge eines Schlaganfalls.

Schädigung der Hirnhälfte

Helga Weber ist kein Einzelfall. In Deutschland erleiden jedes Jahr über 200.000 Menschen einen Schlaganfall und davon haben 35 Prozent zu Beginn eine Aphasie. Unter dem Fachwort Aphasie wird allgemein der komplette oder auch teilweise Verlust von Sprache verstanden. Die Sprachstörung tritt nach einer Schädigung der sprachdominanten Hirnhälfte auf.

Die häufigste Ursache für eine Aphasie ist der Schlaganfall. Weitere Ursachen sind Schädelhirnverletzungen nach einem Unfall, Hirntumore oder entzündliche Prozesse im Gehirn wie beispielsweise eine Hirnhautentzündung. „Es können dann Störungen der sprachlichen Modalitäten entstehen“, so Dr. Andreas Winnecken vom Aphasie-Zentrum Josef Bergmann in Vechta Langförden, „insbesondere beim Sprechen, Lesen, Schreiben, aber auch bei der Verarbeitung von Sprache.“

eine chinesische Tageszeitung mit chinesischen Schriftzeichen
Mancher Aphasie-Betroffene versteht nur noch Chinesisch, wenn er seine alte Tageszeitung aufschlägt (Boscolo/pixelio.de)

Symptome je nach Schwerefall

Dabei wird zwischen verschiedenen Schweregraden unterschieden: „Eine leichte Aphasie führt beispielsweise zu Schwierigkeiten bei der Wortfindung, bei einer mittelschweren Form sprechen die Betroffenen nur in Ein- und Zwei-Wort-Sätzen und eine schwere Aphasie führt dagegen zu einer Beeinträchtigung aller sprachlicher Modalitäten und linguistischen Ebenen“, erklärt Winnecken. Letzteres heißt: Der Betroffene hat Schwierigkeiten, sich überhaupt verbal zu äußern und Sprache zu verstehen.

Ob und wie weit sich ein Aphasie-Patient erholen kann, hängt davon ab, wie groß die Hirnverletzung ist. Aphasien können sich teilweise zurückbilden, weil die Hirnzellen in der Nachbarschaft der zerstörten Zellen die sprachliche Funktion übernehmen können.

„Weil die Kommunikation stark eingeschränkt ist, ist soziale Ausgrenzung oft die Folge“, erklärt Winnecken. Eine angeregte Diskussion zu verfolgen kann zum Beispiel zur Unmöglichkeit werden. Und wenn ein Patient die Zeitung oder Bücher nicht mehr lesen kann, hat er auch weniger intellektuelle Anreize. „Es gibt leider keine greifenden Konzepte zur sozialen Integration“, so Winnecken weiter, „und hinzu kommen kaum bis keine beruflichen Perspektiven.“ 

Mit dem Handicap leben lernen

„Die Chance, dass ein Aphasie-Betroffener wieder vollständig gesund wird, hängt von der Schwere des Schlaganfalls ab“, sagt Winnecken. „In der Regel bleiben etwa 60 Prozent der Aphasiker ein halbes Jahr nach dem Ereignis chronisch krank und müssen dann jahrelang oder gar lebenslang mit einem sprachlichen Handicap in unterschiedlicher Schwere leben."

In jedem Fall müssen Aphasiker von Anfang an, d.h. schon in der Akutphase, in eine gezielte Sprachtherapie eingebunden sein. Die Therapie soll die Verbesserung der sprachlichen Funktionen, die Förderung der Kommunikation sowie die aktive Teilnahme am sozialen Leben wieder ermöglichen. In der Regel beginnt die Sprachtherapie in Spezialstationen für Schlaganfallpatienten und wird in Anschlussheilbehandlungen in neurologisch ausgerichteten Rehabilitationszentren – entweder stationär oder ambulant – fortgesetzt, so Winnecken. Anschließend kann eine ambulante Therapie in häuslicher Umgebung, gekoppelt mit stationären Intervalltherapien, durchgeführt werden.

Veränderungen im sozialen Umfeld

Aphasiker haben durch die Krankheit, vor allem wenn sie wieder in ihrer häuslichen Umgebung sind, oft Schwierigkeiten, sich in ihrem alten Leben zurechtzufinden. „Mit einer hirnorganischen Erkrankung in Verbindung mit Aphasie kommt es bei den Betroffenen vielmals zu großen Veränderung im sozialen Umfeld“, sagt Winnecken. Aphasiker ziehen sich von Freunden zurück und in der Familie entstehen Spannungen.

Missverständnisse, missglückte oder abgebrochene Kommunikationsversuche führen zu Frustrationen auf beiden Seiten. „Hier ist es ganz wichtig, sich fachkompetent beraten zu lassen oder mit Hilfe externer Unterstützung die durch die Erkrankung veränderte soziale Situation zu meistern", sagt Winnecken. In Selbsthilfegruppen lernt ein Aphasiker zudem, Probleme aus eigener Kraft oder gemeinsam mit anderen Betroffenen zu lösen.

Positive Energien entwickeln

Bei Helga Weber war die langjährige Sprachtherapie sehr erfolgreich. Nach einem Jahr intensiver stationärer und ambulanter Sprachtherapie kamen die ersten Worte wieder. Helga Weber kämpfte weiter. Oft war sie dabei verzweifelt, aber trotzdem: Sie lernte langsam wieder, mit Hilfe therapeutischer Unterstützung, die in ihr stark verwurzelten positiven Energien für sich zu nutzen.

Heute schließt Helga Weber neue Freundschaften, fühlt sich angenommen und geht, trotzt anhaltender Probleme mit der Wortfindung, spontan auf ihre Mitmenschen zu. Sie hat ihr Leben wieder selbst in die Hand genommen und sagt, trotz Handicap, „Ja“ zum Leben.

*Name ist der Redaktion bekannt


Text: MBE/TMI – 01/2011

Fotos: pixelio.de

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