Vom Umgang mit Autisten

Smiley-Abbildungen, einmal mit den Mundwinkeln gegen unten, einmal nach oben. (Bild: Markus Vogelbacher/pixelio.de)
Autisten können Gestik oder Mimik ihres Gegenüber nicht deuten oder müssen diese mühsam erlernen. (Bild: Markus Vogelbacher/pixelio.de)

So unterschiedlich die Ausprägung von Autismus auch ist: Es gibt Persönlichkeitsmerkmale, die bei fast allen Autisten auftreten - und entsprechend Verhaltensweisen, wie man sich Menschen mit Autismus gegenüber verhalten sollte.

Die Weltgesundheitsorganisation zählt Autismus zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Durch eine angeborene veränderte Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung des Gehirns kommt es bei den Betroffenen entlang des Autismus-Spektrums zu stärkeren oder schwächeren Behinderungen und Beeinträchtigungen.

Autisten und ihre Besonderheiten

Um das Verhalten von Autisten besser zu verstehen, ist es wichtig, die möglichen Besonderheiten und Beeinträchtigungen in ihrem Denken und ihrer Wahrnehmung zu kennen. Dazu gehören:

  • Beeinträchtigung im Gebrauch von nonverbalen Verhaltensweisen wie Blickkontakt, Gesichtsausdruck, Körperhaltung oder Gestik,
  • Wortwörtliches Sprachverständnis, was zu Schwierigkeiten bei ironischen Bemerkungen von Mitmenschen oder bei Metaphern führt,
  • Überempfindlichkeit oder Unempfindlichkeit auf visuelle, auditive oder taktile Reize,
  • Schwierigkeiten, die Ansichten anderer Menschen zu verstehen oder zu erkennen,
  • Festhalten an Routinen und Ritualen bei gleichzeitiger Schwierigkeit, Veränderungen in der Umwelt vorauszusehen und zu akzeptieren,
  • Fokussierung der Aufmerksamkeit auf einzelne Interessen.

Doch was bedeuten diese Beeinträchtigungen bei Autisten im Alltag? Es gibt nicht EINE Antwort auf diese Frage, weil es DEN Autisten oder DIE Autistin nicht gibt. Jeder Mensch mit Autismus unterscheidet sich vom anderen, ebenso wie sich alle Nicht-Autisten voneinander unterscheiden.

Autisten stoßen oft auf Unverständnis

Der wohl größte gemeinsame Nenner von Menschen mit Autismus ist, dass die obengenannten möglichen Verhaltensmuster von den Mitmenschen zum Teil mit Befremden aufgenommen werden. Nicht wenige Ratgeber versuchen sich in Aufklärung. Doch wichtig ist ja eigentlich, wie es sich aus Sicht der Betroffenen präsentiert.

Ein Mann klingelt an einer Türe. (Bild: Siegfried Fries/pixelio.de)
Menschen mit Autismus mögen keinen spontanen Besuch. Vorherige Anmeldung erwünscht! (Bild: Siegfried Fries/pixelio.de)

Bewusstsein für das Verhalten von Autisten schaffen

Katja Carstensen ist Autistin (Asperger-Syndrom), hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben und möchte mit ihrer Homepage "Aspie - na und" anderen Menschen aus dem autistischen Spektrum, deren Angehörigen und Freunden, hilfreich zur Seite stehen und in der Öffentlichkeit etwas mehr Bewusstsein für die Bandbreite des autistischen Spektrums schaffen. Sie hat auf ihrer Homepage eine Art "Umgangsgebrauchsanweisung" veröffentlicht, direkt, offen, ehrlich - und kein bisschen ironisch:

  • "Helft uns, euch besser zu verstehen - sagt, was ihr meint."
  • "Ironie und Wortspielereien sind zwar lustig - erklärt sie uns aber bitte, wenn wir sie nicht verstehen."
  • "Nehmt unsere Worte so wie sie sind, wir meinen das, was wir sagen und sind nicht in der Lage, Sätzen durch Mimik, Gestik und Tonfall eine andere Bedeutung zu geben. Ein Interpretationsversuch eurerseits führt nur zu unnötigen Missverständnissen."
  • "Für euch mag es eine Geste der Freundlichkeit sein, sich zur Begrüßung und zum Abschied die Hand zu geben - für uns ist das schon ein Eindringen in die Privatsphäre, was wir höchstens guten Freunden zugestehen, respektiert das bitte."
  • "Viele von uns sind berührungs- und lärmempfindlich. Erspart uns nett gemeinte Tätscheleien und habt Verständnis, wenn wir uns bei zu heftiger Geräuschkulisse zurückziehen oder abschalten."
  • "Im Interesse unserer Mitmenschen sollte jeder Autist ein "BITTE NICHT STÖREN"-Schild aufstellen, wenn er mit seinen Spezialinteressen beschäftigt ist. Eine Störung von außen kann heftige Reaktionen zur Folge haben, stört also bitte vorsichtig und nur wenn es sein muss."
  • "Wir lieben Regeln und Ordnung (unsere eigenen versteht sich). Ausflüge und ähnliches müssen geplant werden, es bringt uns schon aus der Fassung, wenn ein ungeplanter Cafebesuch eingeschoben wird. Und NEIN, ich möchte auf keinen Fall nach dem Einkaufen spontan bei Frau Meyer vorbeischauen, weil es auf dem Weg liegt und ein plötzliches Abschwenken nach "ach, lass uns doch schnell nochmals in den Baumarkt fahren", kann dafür sorgen, dass der Rest meines Tages im Chaos versinkt."
  • "Verkneift euch spontane Besuche, es gibt so freundliche Einrichtungen wie Telefon und Internet, beide kann man durchaus für eine vorherige Ankündigung nutzen (mind. einen Tag vorher, wobei Ausnahmen die Regel bestätigen)."

Das Anwenden dieser Verhaltenstipps und generell die Akzeptanz von Eigenarten, die dem Umfeld seltsam vorkommen mögen, sind ein guter Anfang zu einem verständnisvollen Umgang mit Menschen entlang des autistischen Spektrums.

 

Text: Patrick Gunti - 09/2013
Bilder: pixelio.de

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