Nun sag, wie hältst du's mit der Religion?

Kunstbild einer schwarz-bunten Spirale. (Bild: Eva Kalivoda/pixelio.de)
Jeder einzelne trägt einen wertvollen und wunderbaren Teil zu einem erfüllenden Leben, zur "Schöpfungssymphonie" bei. (Bild: Eva Kalivoda/pixelio.de)

Das Weihnachtsfest ist eigentlich ein religiöses Fest. Doch dieser Aspekt tritt oft in den Hintergrund. MyHandicap-Psychologe Tim Glogner hat sich Gedanken über den Glauben und das Glauben gemacht.

Glauben ist sicherlich eine zentrale menschliche Haltung, man kann an vieles glauben: an den Weihnachtsmann, an ein Ideal, an ein Konzept, an einen Grund, an eine Theorie, an eine Erklärung, an eine Aussage, an einen Gott und so weiter.

Man könnte auch sagen, man glaubt solange an etwas, bis man vielleicht von etwas anderem überzeugt wird, an das man dann glaubt und irgendwann glaubt man wieder an etwas anderes. Vielleicht deshalb, weil man mittlerweile auf Grund der gemachten Erfahrungen zu anderen Schlüssen und Entscheidungen kommt.

Glauben hat einen Nachteil: Er kann engstirnig machen, wenn man alles andere, was dem eigenen Glauben nicht entspricht, (sofort) abwertet und der eigene Glauben über andere gestellt wird.  Dies ist  in der Menschheitsgeschichte häufig und immer wieder passiert, zum Beispiel bei den Kreuzzügen im Mittelalter oder aktuell in terroristisch-religiösen Gemeinschaften. 

Aber auch in „kleineren“ Kontexten führt sicherlich das (starre) Glauben an bestimmte eigene Vorstellungen und das gleichzeitige Abwerten von anderen Meinungen zu Konflikten.

Durch Leid zum Glauben?

Möglicherweise ist bei einigen Menschen Folgendes passiert: Gerade durch einen Schicksalsschlag fanden Sie für sich zum Glauben.

Sie fanden Vertrauen, ein Urvertrauen ins Leben, sie fanden das Gefühl, dass das Leben, wie auch immer es ist, tiefen Sinn macht oder machen kann. Ihr Glauben ging in Vertrauen über, verwandelte das Leben, führte es, trug es, erneuerte es, bereicherte es und gestalte es um. Vielleicht fanden Sie das Vertrauen in Gott, eine liebende  Kraft oder Macht, welche dem Leben grundlegend zugewandt ist oder Ähnlichem.

Möglicherweise ist bei vielen Menschen auch Folgendes passiert: Durch einen Schicksalsschlag oder Krise verloren sie Ihren Glauben.

Wie dem auch sei: Religionen sind sicherlich manchmal „missbraucht“/missverstanden worden, in dem Sinne, dass Menschen Religionen zur Machtausübung benutzt haben.

Aber die essentielle Botschaft der Religionen, Weisheitslehren aber auch bestimmte Formen der Psychologie, die sich tief mit dem Menschen beschäftigt haben, können sicher eine Mut-, Hoffnungs-, Zuversichts- und Kraftquelle für uns Menschen sein.

Der Glauben als Kraftquelle?

Gesprochen wird da oft von Offenheit und Vertrauen zu/in etwas, dass man vielleicht nicht intellektuell ganz verstehen kann, was aber das wahre, ewige menschliche Leben, die liebende, alles miteinander verbindende Grundlage allen Lebens ist oder sein soll.

Jesus sprach vom liebenden „Vater“, der durch ihn seine Werke tut, Buddha nannte es Buddhanatur im Menschen. Im Hinduismus gibt es den Atman, der den Menschen mit der Allliebe Brahmans (Gottes) verbindet.

Auch wird in diesem Zusammenhang auf eine „höhere“ Ordnung, einen tiefen Lebenssinn verwiesen, zum Beispiel durch das Jesuszitat: „Es wird euch kein Haar vom Haupte fallen ohne das Gott es nicht weiß“ oder einen Spruch aus dem Buddhismus: „Der Schnee fällt, jede Flocke auf ihren Platz“.

Gerade wenn man sich schwach und verletzbar fühlt, könnten essentielle Weisheitslehren Trost und Lebensmut spenden. Jesus hat oft auf den positiven Aspekt einer im herkömmlichen, gesellschaftlichen System „Außenseitergruppierung“ hingewiesen. Er sprach von den „unschuldigen Kindern, die zu ihm kommen mögen“ er sagte „selig sind die Leidtragenden, die getröstet werden“.

Auch sprach er von den Schwachen und den Sanftmütigen, die die „neue Welt“ regieren werden würden. Mit „neue Welt“ meinte er vielleicht gar nicht in erster Linie die uns bekannte Welt, die wir mit unseren physischen Augen wahrnehmen, sondern einen neuen Seinszustand, die Erfahrung einer Liebe und Geborgenheit, das Erleben eines neuen Bewusstseinszustand des Menschen.

Das Innerste im Menschen berühren

Weisheitslehren betonen ebenfalls oft, dass es einen ursprünglichen, natürlichen Bereich, ein spirituelles „Herz“ im Menschen, ja in aller wahrnehmbaren Existenz gibt, welcher ganz, heil und für immer geborgen ist. Diese Betrachtung würde ebenfalls aussagen, dass das wahre menschliche Wesen schon bereits da ist, wir haben nur möglicherweise den unmittelbaren, erlebbaren Kontakt dazu verloren.

Wir lassen möglicherweise nur nicht immer zu, dass sich dieses tiefe, natürliche menschliche Wesen durch uns „offenbaren“ kann. Jesus sagte: „Das Himmelreich ist (jetzt) bereits mitten unter euch“. Ein indischer Weisheitslehrer, Ramana Maharshi sagte zu seinen Schülern, sie müssten eigentlich nur das sein, was sie ohnehin schon immer sind und sein werden.

Dieser Bereich geht wohl tiefer als der sterbliche, sich verändernde Körper, ist über den Körper hinaus, aber kann auch das persönliche, körperliche Leben mit Sinn und (neuer) Orientierungskraft erfüllen. Solche Andeutungen fallen in den Bereich religiöse Erfahrung und sind wohl Dinge, die nur jeder für sich in seinem eigenen Herzen ergründen kann.

Diplom-Psychologe Tim Glogner. (Bild: MyH)
Diplom-Psychologe Tim Glogner. (Bild: MyH)

Ich wünschen allen, dass sie bedingungslose Liebe erfahren, einfach deshalb, weil es euch gibt, weil ihr lebt und weil ihr im Herzen vollkommen in Ordnung seid, so wie ihr seid, ganz egal was war, ist oder kommen mag. Wir glauben, dass jeder einzelne einen wertvollen, wunderbaren Teil zu einem erfüllenden Leben, zur „Schöpfungssymphonie“ beiträgt und beitragen wird. Möge immer Weihnachten sein.  Über E-Mails (tim.glogner(at)myhandicap(dot)de) und eigene Erfahrungen zum Thema freut sich Ihr Tim Glogner.

 


Text: TGL   12/09

Bilder: pixelio.de, MyH

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