Berührungsängste? Anfassen unbedingt erwünscht!

Zwei Personen, die sich die Hand geben. (Bild: Stefanie Hofschläger/pixelio.de)
Händchenhalten darf auch zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen stattfinden. (Bild: Stefanie Hofschläger/pixelio.de)

Menschen, die bisher noch nie mit Behinderung in Berührung kamen, wissen oftmals nicht, wie sie sich gegenüber behinderten Mitmenschen verhalten sollen. Aber wie wiederum soll man als Betroffener darauf reagieren?

Erst im Urlaub habe ich es wieder erlebt. Als mein Assistent und ich abends in die Disco auf Deck 12 der AIDAbella kamen, gab es ein großes Hallo mit einigen anderen Passagieren.Wir hatten sie bereits am zweiten Tag der Reise kennen gelernt.

Während mein Assistent freundschaftlich umarmt wurde und von den Mädels ein Bussi auf die Wange bekam, wurde in meine Richtung nur die Hand erhoben und „Hi Justin!“ gesagt.

Was war los? Hatte ich vergessen zu duschen oder eine große Tarantel auf der Kopfstütze sitzen? Weder noch. Aber diese Leute kannten mich eben erst seit kurzem und auch nur ziemlich flüchtig. Deshalb sahen sie in mir noch nicht wirklich „Justin“, sondern bloß „den Rollstuhlfahrer“.

Ein falsches Bild

Wenn jemand sich in seinem Leben noch nie mit dem Thema Behinderung befassen musste, hat er in der Regel ein falsches Bild von Menschen mit Handicap.

Es ist geprägt von oftmals oberflächlichen Darstellungen in den Medien. Häufig werden Menschen mit Behinderung dort auf ihre Einschränkungen reduziert. Der Mensch dahinter tritt absolut in den Hintergrund. So ist es kein Wunder, dass unerfahrene Personen, die mir das erste Mal begegnen, mich ebenfalls auf die Oberflächlichkeiten reduzieren.

Sie sehen nur den (unbekannten) Rollstuhl, die dünnen Armen und dass jemand dabei ist, der mir bei allem helfen muss. Darüber vergessen die anderen ganz einfach, dass auch ich nur ein Mensch bin.

Klar, dass sie sich da nicht so verhalten, wie bei meinem Assistenten. So jemanden wie ihn kennen sie schließlich. Da werden bekannte Verhaltensmuster abgerufen.

Zwei Hände berühren sich. (Bild: Xenia-B./pixelio.de)
Einander näher kommen, sensibler für den anderen werden. Die Welt könnte um so vieles schöner sein. (Bild: Xenia-B./pixelio.de)

Keine Angst

Es ist schon vorgekommen, dass ich Menschen darauf angesprochen habe, wieso sie mir zum Beispiel nicht zur Begrüßung die Hand gegeben haben.

Als Antwort bekam ich dann zu hören: „Ich hatte Angst, dir weh zu tun.“ Erneut eine Reaktion darauf, dass man mich nur auf die körperlichen Umstände reduziert hat.

Bei mir im Umkreis kennt mich fast jeder aus der Zeitung oder dem Fernsehen. Die Leute wissen also beispielsweise, dass ich Filme produziere. Dadurch tritt die Behinderung in den Hintergrund und man verhält sich mir gegenüber so, wie man sich auch jedem anderen gegenüber benimmt.

So kommt es, dass mir hier, wenn ich nicht im Urlaub bin, fremde Menschen einfach so die Hand geben – ohne mich vorher zu fragen, ob sie mir vielleicht weh tun können.

Natürlich muss ich zugeben, dass ich wohl ein Sonderfall bin. Die wenigsten Menschen (egal, ob mit oder ohne Handicap) stehen regelmäßig in der Zeitung.

Manchmal helfen Vorbilder

Doch es braucht keinen Job in der Öffentlichkeit, um mit den Berührungsängsten der Mitmenschen umzugehen. Schließlich wissen die Betroffenen nun, was die anderen behindert: schlichte Unsicherheit.

Da nur die Wenigsten diese selbst überwinden (indem sie z.B. fragen, ob es okay ist, wenn sie einem die Hand geben), muss man ihnen eben dafür eine Brücke schlagen. Manchmal helfen einem dabei „Vorbilder“ aus dem eigenen Bekanntenkreis.

Während meiner Schulzeit gaben auch mir viele Leute nicht die Hand. Daraufhin habe ich einen meiner Freunde gebeten, mich beim nächsten Mal mit Handschlag zu begrüßen, wenn wir uns sahen.

Es dauerte nicht lange und bald musste ich bei einer Begrüßung viele Hände schütteln und bekam von den Mädels sogar das übliche Bussi.

Eigeninitiative ist gefragt

Eine derartige Taktik konnte ich natürlich im Urlaub nicht anwenden. Schließlich hätte es ziemlich albern ausgesehen, wenn mein Assistent und ich uns die Hand geben, waren wir doch ohnehin rund um die Uhr zusammen.

Somit war in der Disko für mich klar: Eigeninitiative ist hier gefragt. Zur Verabschiedung streckte ich also demonstrativ die Hand aus. Und wenn mein Assistent ein Bussi auf die Wange gedrückt bekam, fragte ich einfach locker und gespielt beleidigt: „Und ich?!“

Am nächsten Abend gingen wir natürlich wieder in die Disko. Dieses Mal wurden wir beide mit Handschlag und Bussi begrüßt…

Diese Beispiele verdeutlichen, dass es die mangelnden Erfahrungen im Umgang mit behinderten Menschen sind, die viele Nichtbehinderte hemmen. Doch glücklicherweise können diese, ggf. mit ein bisschen Hilfe der Betroffenen, wesentlich schnell nachgeholt werden.

Text: Justin Black

Bild: pixelio.de

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