Behinderung – ein Begriff, mehrere Definitionen

Rollstuhlsymbol auf einem Behindertenparkplatz. (Bild: mara.l/pixelio.de)
Der Ausdruck "Behinderung" wird je nach Sichtweise anders betrachtet. (Bild: mara.l/pixelio.de)

Was versteht man unter dem Begriff „Behinderung“? Wann ist ein Mensch „behindert“ und was sagt dieser Begriff aus? Der Versuch einer Annäherung.

Sozialrechtliche Definition in Deutschland

Im bundesdeutschen Recht wird die Behinderung im Sozialgesetzbuch IX (dort: § 2 Absatz 1), so definiert: Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist.

Um als Mensch mit Behinderung anerkannt zu werden und einen entsprechenden Ausweis zu erhalten, ist ein Antrag beim zuständigen Versorgungsamt erforderlich (§ 69 SGB IX). (Quelle: Wikipedia)

Die Definition von Behinderung nach der Weltgesundheitsorganisation

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert „Behinderung“ wie folgt:

Bei der Definition von Behinderung unterscheidet die WHO drei Begrifflichkeiten:

  • Aufgrund einer Erkrankung, angeborenen Schädigung oder eines Unfalls als Ursache entsteht ein dauerhafter gesundheitlicher Schaden - impairment
  • Der Schaden führt zu einer funktionalen Beeinträchtigung der Fähigkeiten und Aktivitäten des Betroffenen – disability
  • Die soziale Beeinträchtigung ist Folge des Schadens und äußert sich in persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Konsequenzen – handicap

Die Definition der United Nations (UNO)

Die Weltorganisation UNO definiert „Behinderung“ in der Behindertenrechtskonvention, indem sie die drei Aspekte der WHO aufgreift und weiterentwickelt.

„Die Behinderung eines Menschen wird in der Konvention nicht als feststehender Zustand, sondern als ein sich ständig weiterentwickelnder Prozess beschrieben, der sich nachteilig auswirkt, wenn Menschen mit Beeinträchtigungen (Beispiele: Schädigung körperlicher Organe, Blindheit, Gehörlosigkeit, Lernstörungen) auf einstellungs- und umweltbedingte Barrieren stoßen, die sie an der vollen, wirksamen und gleich berechtigten Teilnahme am gesellschaftlichen Leben hindern.“ (Deutsche Behindertenhilfe, Aktion Mensch e.V., 2007)

Zudem liegt der Konvention „ein Verständnis von Behinderung zugrunde, das jede Form körperlicher, seelischer, geistiger oder Sinnesbeeinträchtigung als normalen Bestandteil menschlichen Lebens und menschlicher Gesellschaft ausdrücklich bejaht und darüber hinaus als Quelle möglicher kultureller Bereicherung wertschätzt („diversity-Ansatz“). Menschen mit einer Behinderung sollen selbstverständlich mit allen anderen leben und sich zugehörig fühlen können.“ (Wikipedia)

Ich bin nicht behindert – ich werde behindert

Interessant sind auch die Arbeiten von Manfred Sonnleitner, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Universität Graz, zum Thema Behinderung. Er verweist auf den gedanklichen Bewertungsaspekt, nämlich, dass „Behinderung“ gedanklich von einer Gesellschaft und / oder Kultur „mitkonstruiert“ wird:

„Behinderung wird zum einen mitbestimmt von den Erwartungen, die eine Gesellschaft an ihre Mitglieder stellt, und zum anderen von dem Urteil über diejenigen, die diesen Erwartungen nicht entsprechen können. Behinderung stellt ein Stigma dar, wie der Soziologe Erving Goffman es nennt".

„Stigmata sind gedankliche Konstruktionen beziehungsweise Bilder, durch die sich Menschen die Wahrnehmung anderer Personen vereinfachen. Von einem Merkmal einer Person wird auf die ganze Person geschlossen“. (Quelle: Sonnleitner, 2004: Integrationskultur und Unternehmen)

Fühlt sich also eine Person dieser Stigmatisierung ausgesetzt, kann davon ausgegangen werden, dass möglicherweise die Tendenz entstehen könnte, diese „von außen kommende“ Stigmatisierung zu übernehmen und bei sich selbst von einem Merkmal, z.B. „Gehörlosigkeit“ auf sich selbst als ganze Person „behindert“ zu schließen.

Eine „Behinderung“ ist auch davon abhängig, wie sie individuell erlebt wird. Also inwieweit das eigene Leben als eingeschränkt erlebt wird. Diese Wahrnehmung, dieser persönliche Umgang könnte wiederum davon abhängen, welche Wichtigkeit/Bedeutung die möglicherweise (stigmatisierenden) Außenumstände für eine individuelle Person haben, inwieweit ich mich also selbst „stigmatisieren lasse“, durch die Außenumstände „selbststigmatisiere“.

Behinderung in der Sichtweise von MyHandicap

MyHandicap sieht in erster Linie den Menschen und seine Potentiale, anstelle Personen in Gruppen von behinderten oder nichtbehinderten Menschen zu unterteilen.

Markus kann unglaublich gut rechnen und ist ein begnadeter Stratege. Er sitzt im Rollstuhl, na und? Claudia spricht drei Sprachen und schreibt tolle Texte. Sie ist gehörlos, na und?

Silvia kann unglaublich gut zuhören und die besten Geschichten erzählen, ihr Lachen steckt jeden an. Silvia ist an MS erkrankt und braucht viele Pausen, trotzdem oder gerade deswegen ist sie die „Seele“ des Büros.

Jeder Mensch hat Stärken und Defizite. Es hat sich bewährt, der Realität Rechnung zu tragen, indem man versucht, Defizite bestmöglich auszugleichen, zum Beispiel durch Hilfsmittel. Dann darf man aber getrost den Fokus auf das legen, was man Stärken, Potentiale, Talente oder Fähigkeiten nennt. Denn daraus kann Neues und Positives entstehen. Der erste Schritt ist, dass man sich seine Stärken bewusst macht.

Liebe MyHandicap-Leser, was zeichnet Sie ganz persönlich aus? Was können Sie durch oder trotz oder mit ihrer Behinderung besonders gut. Überlegen Sie sich drei Punkte, entweder für sich selbst oder teilen Sie diese mit uns allen. Im Kommentarfeld unter diesem Artikel ist reichlich Platz für Ihre Beiträge.

Ich freue mich, Ihr Tim Glogner

Bild: pixelio.de 

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