Eine volle Packung Disco

Szene aus einer Disco mit vielen Gästen
Saturday Night Fever in der Disco liegt auch bei Menschen mit Behinderung im Trend (Nik Styles/pixelio.de)

Disco-Besuche sind eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Der Sound der Bee Gees, eines Giorgio Morders, eines Barry White oder der Village People sorgte bereits in den 1970er-Jahren für überfüllte Tanzflächen und das unvergleichliche „Saturday Night Fever“. Heute können sich immer häufiger auch Menschen mit Behinderung in der Disco vergnügen.

Über Dekaden, Tanzstile und Musikrichtungen hinweg ist Freitag und Samstag Disco, Tanz, Party und gute Laune angesagt. Für Menschen mit einer Behinderung ist ein Disco-Besuch nicht ganz so einfach, aber auch für sie gibt es mittlerweile immer mehr Angebote. Ob in Dortmund, Kiel, Hamburg, Zürich oder Bern - der Disco-Besuch liegt auch bei behinderten Menschen im Trend.

Disco muss sein

Was macht die Faszination aus? Für Menschen mit Behinderung ist es oft nicht einfach, eine reguläre Disco zu besuchen. Die Barrierefreiheit ist an den meisten Orten nur bedingt gegeben, die Freiheit, sich im Rollstuhl auf der Tanzfläche zu bewegen, erst recht. Und auch das bewegte Licht ist für viele Betroffene nicht geeignet. Trotzdem, die Disco muss sein und warum sie sein muss, bringt Jan Delay in seinem Song „Disco“ vielleicht ganz gut auf den Punkt:

„Ist da ma wieder so ne Phase,
wo gar nix läuft außer die Nase
Ja alles geht daneben oder schief
Du und dein Horoskop ich glaub irgendwie habt ihr Beef
Ich hab was dir fehlt und ich hab was du brauchst
Eine volle Packung Disco ja die bringt dich wieder rauf“

Großartige Stimmung

Entsprechend geht denn auch die Post ab. „Die Gäste kommen rein und fangen von der ersten Minute an zu tanzen. Die Stimmung ist von Beginn weg großartig“, erklärt Daniel Vuillaume, der in der Labor-Bar in Zürich "LaVIVA – Die Party für Menschen mit und ohne Behinderungen" veranstaltet. Gary Mangels organisiert in seinem Tanztempel in Kiel Discos für Menschen mit Behinderung und kann das nur bestätigen: „Die Menschen haben sehr viel Freude am Feiern.“

Tanzende Menschen in einer Disco in Kiel
Volles Haus bei Gary Mangels Disco für Menschen mit Behinderung in Kiel (Foto: zvg)

Ungebremster Zulauf an Gästen

Mangels gründete vor 30 Jahren seine erste Diskothek und kam im Rahmen der Planung von Veranstaltungen auf die Idee von Discos für behinderte Menschen. Die sind bis heute ein Renner: „Wir haben im Schnitt zwischen 200 und 250 Gästen an diesen Abenden, und die kommen in Bussen aus ganz Schleswig-Holstein. Teilweise wird in den Werkstätten gelost, wer an den Abenden mit zu unser Veranstaltung kann.“

Ähnliches erlebt Petra Roth von der Elterninitiative Hilfe für Behinderte und ihre Familien im Vogtland e.V. in Plauen, wo seit 15 Jahren Discos veranstaltet werden: „Wir verzeichnen einen ungebremsten Zulauf an Gästen. Bei einer Disco in den barrierefreien Räumlichkeiten unseres Jugendclubs haben wir jeweils 60 bis 80 Besucher plus Betreuungspersonal und Jugendliche des Jugendclubs vor Ort. Und die Besucher kommen nicht nur aus Plauen, sondern nehmen einen Weg von über 30 Kilometern in Kauf.“

Nicht-Behinderte legen Hemmungen ab

In Zürich gehen die Events seit Oktober 2008 regelmäßig über die Bühne, seit Mitte letzten Jahres auch in Bern. Die Idee dazu entstand, als ein Wohnheim für behinderte Menschen eine HipHop-Party in der Labor-Bar besuchte. Event-Manager Vuillaume war erst überrascht und danach konsterniert: „Die Bewohner kamen mit Käppis und Baggypants, sorgten für Stimmung – und wurden schräg angeschaut. Die anderen Gäste reagierten distanziert.“

Das brachte ihn auf die Idee, Veranstaltungen für Menschen mit Handicap zu organisieren. und dreieinhalb Jahre später blickt er zufrieden zurück: „Wir haben eine extrem gute Resonanz, den Gästen ist LaVIVA unglaublich wichtig geworden.“ Und Freunde von ihm, die als Nichtbehinderte eine hohe Hemmschwelle gegenüber Menschen mit Behinderung hatten, haben diese nun abgelegt.

„Ich sehe jedes Mal zufriedene und dankbare Gesichter“, sagt Vuillaume, dessen Disco-Abende auf jegliche Arten von Behinderung ausgerichtet sind, Körperbehinderung ebenso wie psychische Erkrankungen oder Lerneinschränkungen. Auch Gary Mangels Feten sind ein Erfolg: „Wir haben durchwegs positive Erfahrungen gemacht.“

Seit 20 Jahren: Lebenshilfe-Disco in Dortmund

In Dortmund haben Menschen mit Behinderung dank der örtlichen Lebenshilfe seit gut 20 Jahren die Möglichkeit, einmal im Monat das Disco-Feeling zu erleben. „Die Idee entstand damals zwischen einer Kollegin und ein paar engagierten Eltern. Diese wollten ihren Kindern die Möglichkeit geben, in Gemeinschaft am Wochenende Tanzen zu gehen“, erzählt Daniela Rolle von der Lebenshilfe Dortmund.

Damals wie heute sei es für Menschen mit Behinderung nicht ganz einfach, am Nachtleben teilzunehmen, deshalb würden die Partys im Dietrich Keuninghaus sehr gut angenommen. Die Lebenshilfe Dortmund plant jeweils für ein bunt gemischtes Publikum. „Unsere Kunden sind sowohl lern- als auch geistig- und körperlich beeinträchtigt“, erklärt Daniela Rolle. „Wichtig ist hierbei darauf zu achten, dass alle Räumlichkeiten einigermaßen barrierefrei sind.“

Ein Kopfhörer liegt auf einem Plattenspieler
Ob DJ Ötzi oder Queen: Für Party-Sound ist in der Disco gesorgt (Julien Christ/pixelio.de)

Motto-Parties stehen hoch im Kurs

Hoch im Kurs stehen bei den Besuchern die Motto-Partys. „Wir versuchen immer wieder, uns etwas neues einfallen zu lassen. Wir haben schon Karneval- und Halloween-Partys gefeiert. Und besonders gut kommt natürlich die BVB-Meisterparty an!“, freut sich Rolle bereits auf das nächste Highlight.

„Stern sucht Himmel“

Einmal jährlich steht unter dem Motto „Stern sucht Himmel“ eine Single-Disco auf dem Programm. „Diese Veranstaltung wird von uns mit großen Aufwand mit Unterstützung der Wirtschaftsjunioren Unna und Dortmund geplant und durchgeführt, sagt Rolle. „Wir bewerben die Veranstaltung Ruhrgebiet weit und haben eine riesige Resonanz.“ Auch in Plauen sind Motto-Partys teilweise ein Thema. Flirt-Discos stehen ebenso auf dem Programm wie Themenabende in der Weihnachts- oder Faschingszeit, wie Petra Roth berichtet.

Hindernisfreier Zugang zu Disco und Tanzfläche

Trotz so viel Jubel, Trubel und Heiterkeit gilt es bei der Organisation doch auch einiges zu beachten. Barrierefreiheit ist dabei ein wichtiges Thema. Im Dietrich Keuninghaus in Dortmund gibt es zwei Rollitoiletten, Aufzüge und Rampen. In Zürich und Bern setzt man bewegtes Licht nur vorsichtig ein. Durch die Zusammenarbeit mit der Organisation Procap stellen die Veranstalter sicher, dass den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung in allen Bereichen des Events Rechnung getragen wird – von der Anreise bis zum hindernisfreien Zugang der Tanzfläche.

Von Rammstein bis DJ Ötzi

Apropos Tanzfläche: Wie siehts mit der Musik aus? Stehen da eher die neuen Charterfolge oder ältere Gassenhauer in der Gunst ganz vorne? Gary Mangels sagt, er spiele Musik von Polonaise bis Rammstein: „Einfach alles, wonach gefeiert wird.“ Petra Roth aus Plausen erklärt, es werde gespielt, was „in“ sei, deutsche Schlager seien beliebt und natürlich würden auch Wünsche erfüllt. Auch in Dortmund stehen Schlager und Chart-Musik hoch im Kurs, ganz besonders DJ Ötzi.

„Ein Stern, der deinen Namen trägt…“, ja dazu geht auch bei LaVIVA in Zürich die Post ab, erzählt Daniel Vuillaume. Der „heimliche LaVIVA-Song schlechthin“ sei aber „We Are The Champions“ von Queen. Wetten, dass dieser Song auch bei der nächsten BVB-Meisterparty der Lebenshilfe der Favorit sein wird…?

 

Text: Patrick Gunti – 04/2012

Fotos: pixelio.de, zvg

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