Barrierefrei bauen: an was dabei zu denken ist

Beim Hausbau lohnt es sich, von Anfang an Barrierefreiheit einzuplanen. Warum nicht eine festinstallierte Rampe für Rollstuhl- und Rollatorfahrer an den Eingang bauen, wenn genügend Platz vorhanden ist? fotolia.de © RioPatuca Images #63831114

Das Thema der Barrierefreiheit ist etwa in den 1990er-Jahren ins öffentliche Bewusstsein gerückt und spielt heute eine so große Rolle, wie nie zuvor. Inzwischen hat es Einzug in die Bauordnungen der Bundesländer gehalten und stellt einen nicht unwichtigen Aspekt bei jeglichen öffentlichen Bauvorhaben dar.

Auch im Privaten wird das Thema aufgrund des demographischen Wandels immer bedeutender: Die Geburtenrate sinkt, die Lebenserwartung steigt kontinuierlich an und die Sterblichkeit geht zurück. Obwohl viele junge Menschen zuwandern, wird Berechnungen zufolge davon ausgegangen, dass der Anteil der über 67-Jährigen von 17,7% (Stand 2017) auf 25,8% im Jahr 2035 gestiegen sein wird. Nicht nur für die Fortbewegung und das selbstständige Erledigen der Älteren in der Gesellschaft ist Barrierefreiheit wichtig. Auch für Familien mit Kindern, welche die Kleinen etwa im Kinderwagen Treppenhinuntertragen müssen, ist ein Wohnen ohne Hindernisse von großem Vorteil.

Warum ist Barrierefreiheit so wichtig?

Barrierefreiheit soll letzten Endes dazu dienen, einen Wohn- und Lebensraum auch im Privaten zu schaffen, der die Realitäten des Älterwerdens ernst nimmt und rechtzeitig darauf abgestimmt wird und der gleichermaßen auch Menschen mit Behinderungen und all jenen mit Funktions- und Fähigkeitseinschränkungen die Möglichkeit gibt, so selbstständig wie nur möglich den Alltag zu bestreiten. In diesem Sinne lässt sich Barrierefreiheit als eine soziale Dimension betrachten: Jeder Mensch, egal welchen Alters und mit welchen physischen, wie psychischen Voraussetzungen und Fähigkeiten, soll gleichberechtigt und unabhängig leben und die gleichen Pflichten erfüllen können.

Jeder Bürger soll also in seinem barrierefreien Lebensraum alles betreten, befahren, und selbständig, unabhängig und weitgehend ohne die Hilfe anderer sicher benutzen können. Wichtig ist das, weil es in erster Linie die Betroffenen, die unter einer Einschränkung, die durch anderes Bauen hätte verhindert werden können, leiden und eventuell täglich mit Schmerzen zu kämpfen haben, entlastet und weil es weiterhin jene, die den direkt Betroffenen helfen müssen/wollen, von ihrer mitunter anstrengenden und zeitraubenden Aufgabe befreit.

Entscheidend ist, dass Barrierefreiheit, um wirklich wirksam zu sein, nicht mit etwa dem Bau einer Rollstuhlrampe an einer Treppe abgehakt wird. Barrierefreiheit sollte zwar an der Haustür, bzw. an der Treppe dorthin beginnen, sich aber auch auf den ganzen Innenbereich der Wohnung oder des Hauses ausweiten. Auch die einzelnen Bundesländer haben erkannt, dass es wichtig ist, Barrierefreiheit nicht als losen Begriffs stehenzulassen, sondern sie gesetzlich zu regeln.

Von gesetzlichen Grundlagen und Normen

Die gesetzlichen Grundlagen für das barrierefreie Bauen sind in den Landesbauordnungen der einzelnen Bundesländer geregelt. Es finden sich darin die allgemeinen Bauvorschriften sowie die Gestaltungsvorgaben für Gebäude und Grundstücke, welche damit auch die Grundlage für jede Bauplanung darstellen, die eine barrierefreie Gestaltung erhalten soll. Alle gesetzlichen Grundlagen beruhen auf der sogenannten DIN 18040, deren Bauvorschriften und Gestaltungsvorgaben für Gebäude und Grundstücke man halbwegs kennen sollte.

Die Norm berücksichtigt diverse individuelle Behinderungen:

Motorische und sensorische Einschränkungen

Wenn Geh- oder Bewegungsbehinderungen oder das Fehlen von Gliedmaßen vorliegen, müssen folgende Bedingungen beim barrierefreien Bauen erfüllt sein:

  • Die Bewegungsflächen müssen so groß sein, dass Rollstuhlfahrer keine Probleme haben, sich darin frei zu bewegen
  • Alle Räume müssen ohne Stufen und schwellenlos zu erreichen sein. Wenn es nicht anders geht, sind Rampen oder Aufzüge zu installieren
  • Um sie gut unterfahren zu können, sind Tische, Tresen und Waschbecken auf der richtigen Höhe anzubringen
  • Greifbereiche müssen leicht bedienbar und angepasst sein, damit man sie auch mit wenig Kraft benutzen kann
Blindenschrift etwa im Fahrstuhl oder an technischen Geräten erleichtert Menschen mit sensorischen Einschränkungen das Bestreiten des Alltags. fotolia.de © Imagenatural #170402848

Sensorische Einschränkungen

Liegen Einschränkungen beim Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und beim Tasten vor, müssen auch hier für die Erleichterung des Lebens diverse Maßnahmen ergriffen werden. Es geht dabei vor allem um sogenannte taktile Leitsysteme und Orientierungshilfen: Sie können Menschen mit Behinderung dabei helfen, sich besser zurechtzufinden und eigenständiger zu leben. So spenden etwa besondere Beleuchtungsanlagen Sicherheit und Wohlbefinden durch Farben, berücksichtigen Rotgrün-Sehschwächen usw. Oder taktile Schilder lassen sich von Blinden schneller und einfach erfassen.

Kognitive Einschränkungen

Kognitive Einschränkungen können durch neurologische oder psychische Erkrankungen, aber etwa auch durch Verletzungen des Hirns, Hirnleistungsstörungen, Suchterkrankungen oder Demenz entstehen. Als Folge leidet nicht selten das persönliche Umfeld unter den kognitiven Einschränkungen. Die Wahrnehmung ist dann beispielsweise durch eine Einschränkung der Aufmerksamkeit und der Informationsaufnahme, durch Verzögerungen bei Reaktionen auf Informationen oder durch schlechteres Erkennen und Verstehen sowie allgemeinen Gedächtnis- oder Sprachstörungen eingeschränkt. Helfen können in diesen Fällen etwa:

  • Markierungen an Stufen, Ecken und Kanten
  • Telefone mit großen Tasten
  • Sprachcomputer und vieles mehr

Wie die Regelungen zur Barrierefreiheit in den Bauordnungen aussehen können, zeigen etwa die ersten beiden Absätze des §51 der rheinland-pfälzischen Bauordnung abschließend exemplarisch:

(1) Gebäude mit mehr als zwei Wohnungen sind so herzustellen und instand zu halten, dass von den ersten drei Wohnungen eine und von jeweils acht weiteren Wohnungen zusätzlich eine Wohnung barrierefrei und uneingeschränkt mit dem Rollstuhl nutzbar ist. Bei Gebäuden mit mehr als einer nach Satz 1 herzustellenden Wohnung genügt es, wenn von jeweils bis zu drei weiteren dieser Wohnungen die erste Wohnung barrierefrei nutzbar ist.

(2) Bauliche Anlagen oder Teile baulicher Anlagen, die überwiegend oder ausschließlich von Menschen mit Behinderungen oder älteren Menschen genutzt werden, wie Tages- und Begegnungsstätten, Werkstätten, Einrichtungen zum Zweck der Pflege oder Betreuung und ähnliche Einrichtungen der Gesundheitspflege, müssen entsprechend ihrer speziellen Erfordernisse barrierefrei sein.

Kosten, die auf einen zukommen können

Noch immer sträuben sich viele Bauherren trotz der vielen Vorteile bei ihrem Bauvorhaben auf Barrierefreiheit Rücksicht zu nehmen. Der Grund: Sie haben das Gefühl, dass dabei eine Menge zusätzlicher Kosten entstehen. Wie eine Studie der Terragon Investment GmbH belegt, schlagen die Mehrkosten beim barrierefreien Bauen aber gar nicht so sehr zu Buche. Genauer gesagt steigen sie mit entsprechendem Wissen des Architekten und Bauingenieurs lediglich um 1%.

Gerade im Hinblick auf Kosten, die im Alter auf einen zukommen können, wenn man beim Hausbau die Barrierefreiheit vernachlässigt, lohnt sich das frühzeitige Planen deshalb allemal. Denn nachträgliche Umbauten schlagen in der Regel mit deutlich höheren Kosten zu Buche. Wichtig ist natürlich, dass bei der gesamten Finanzplanung für das Eigenheim sämtliche Dinge, neben der Kosten für barrierefreie Optimierung, beachtet werden, damit alles funktioniert. Angefangen von der Kreditform bis hin zu Förderdarlehen lassen sich hier beispielsweise noch einmal eine Menge Kosten einsparen, die dann eventuell für nützliche Erweiterungen und Anpassungen in der Optimierung der Barrierefreiheit verwendet werden können.

Worauf es bei der Planung ankommt

Nicht nur die Baufinanzierung, sondern auch der Bau und die in seinem Rahmen ergriffenen Maßnahmen zum Schaffen barrierefreier Räume, bedürfen einer guten Planung. Das Wichtigste ist, sich von Anfang an klar zu machen, welche Möglichkeiten es gibt und in welchen Bereichen sie stattfinden können. Im Folgenden soll anhand der Einteilung in fünf Bereiche ein Überblick gegeben werden:

Beim Außenbereich sollte unbedingt auf einen stufen- und schwellenfreien Zugang geachtet werden. fotolia.de © v74 #217384498

1.     Das Nachhausekommen

Der Außenbereich sollte beim barrierefreien Bauen als erstes in den Blick genommen werden, da er mitunter die Gestaltung des Grundrisses und die Größe des Hauses verändert. Vor allem Menschen, die im Rollstuhl sitzen oder die auf einen Rollator angewiesen sind, allerdings auch jene, die täglich mit einem Kinderwagen nach Hause kommen, freuen sich über wenige Treppenstufen und Schwellen. Weitere Aspekte, die hier zu beachten sind:

  • Ausreichend Platz für PKW-Stellplätze
  • Geeignete Bodenbeläge im Außenbereich; Kieswege sind beispielsweise ungeeignet
  • Nicht nur ein schwellen- und stufenfreier Zugang zum Haus von außen, sondern auch einer des Eingangsbereichs und des Vorraums ist wichtig
  • Barrierefreier Zugang über breite Wege oder Ähnliches zum Garten und ums Haus herum sollte ermöglicht werden

2.     Das Bewegen im Haus oder in der Wohnung

Barrierefreie Räume in Wohnungen und Häusern sollten vier Anforderungen erfüllen, damit sich in jeder Lebensphase frei bewegt werden kann und man sich dabei wohlfühlt:

  • Im gesamten Wohnbereich ist ein ebener und stufenloser Zugang herzustellen
  • Es ist auf ausreichende Zugangsbreiten zu achten. Bei Türen betragen diese Zugangsbreiten mindestens 80cm, damit handelsübliche Rollstühle problemlos hindurchpassen und noch Spiel vorhanden ist
  • Die Bewegungsflächen haben in den wichtigen Bereichen einen Durchmesser von 1,5 Metern aufzuweisen
  • Damit auch aus etwa einem Rollstuhl heraus alle notwendigen Bedienelemente erreicht werden können, sollten diese sich in einer Höhe zwischen 80 und 110 Zentimetern befinden

3.     Das Wohnen und Schlafen

Was das Wohnen und Schlafen im Allgemeinen angeht, sollten beim Bau ebenfalls einige Dinge beachtet werden:

  • Räume sollte flexibel gestaltet werden, sodass sie eventuell auch umgebaut, bzw. verändert werden können
  • Die Übergänge zur Terrasse sollten stufenfrei und schwellenlos sein
  • Fenster- und Türbeschläge sind so zu bauen, dass sie ohne großen Kraftaufwand und aus niedriger Höhe bedient werden können
  • Diverse Bedienelemente und Technik können zur Automatisierung beitragen
  • Wichtig sind auch anpassbare Möbel, wie etwa ein verstellbares Bett, was sich im Alter herunterfahren und so leichter erreichen lässt

4.     Barrierefrei Kochen und Essen

Die Küche gilt auch im Alter noch als die Einsatzzentrale jedes Zuhauses: Hier wird nicht nur gekocht, gespült und gearbeitet, hier wird auch zusammengelebt, gelacht und genossen. Damit das Familienleben hier aber für alle ungehindert stattfinden kann, muss eine Küche von Anfang an barrierefrei geplant werden. Damit die entsprechende Gestaltung gelingt, ist auf folgende Dinge zu achten:

  • Die Arbeitsbereiche sollten höhenverstellbar sein oder zumindest von Anfang an in unterschiedlichen Höhen eingeplant werden.
  • Unterfahrbare Küchenkonzepte können Rollstuhlfahrern und auch auf Rollatoren Angewiesenen den Alltag erleichtern.
  • Mittels höhenverstellbarer Oberschränke kommt man in jedem Alter und mit jeglicher Einschränkung leichter an Arbeitsgeräte, Geschirr usw.
  • Im Sockelbereich sollten Unterschränke unterfahrbar gemacht werden. Durch das Achten auf einen Bewegungsfreiraum von 150 Zentimetern kann sich auch jeder Rollstuhlfahrer barrierefrei in der Küche bewegen und arbeiten.
Ein barrierefreies Bad kommt zumindest ohne Schwellen, mit ausreichend Platz und rutschfesten Fliesen daher. fotolia.de © Jörg Lantelme #83126647

5.     Die optimale Badgestaltung

Auch im Badezimmer sind, genau wie bei der Küche, Flexibilität und Anpassbarkeit gefragt, um die einzelnen Elemente der jeweiligen Lebenssituation anzupassen. Wichtig sind:

  • Duschen, die schwellenlos zu betreten sind
  • Waschtische, die sich unterfahren lassen
  • Rutschfeste Fliesen
  • Armaturen, die berührungslos funktionieren und moderne Thermostat-Technik verbaut haben
  • Einen Bewegungsraum von mindestens 90 Zentimetern etwa neben WC und Duschsitz und 150 Zentimetern

Die richtige Rollstuhlrampe anschaffen

Rollstuhlrampen alleine mögen noch keine Barrierefreiheit ausmachen, sie stellen aber zweifelsohne eines der wichtigsten Elemente für alle dar, die täglich auf den Rollstuhl angewiesen sind. Beim Kauf aber haben viele Menschen Schwierigkeiten und keine Orientierungspunkte. Deshalb haben wir abschließend die entscheidenden Fragen zusammengestellt, die man sich vor der Anschaffung stellen sollte.

1. Steht die Rampe in einem öffentlichen Bereich? Solche Rampen müssen mindestens 1,2 Meter breit sein und dürfen eine maximale Steigung von 6% aufweisen. Außerdem ist dann an beiden Seiten ein Geländer anzubringen

2. Falls die Rampe im privaten Bereich angebracht wird: Soll die Rampe von einem Rollstuhlfahrer und ohne Hilfe benutzt werden können? Oder soll sie von einem Rollatorfahrer ohne Hilfe genutzt werden? Oder soll sie von einem Rollstuhlfahrer, dem eine schiebende Hilfsperson zur Seite steht, genutzt werden? Je nach Fall sollte eine Steigung von maximal 6%, 10% und 20% beachtet werden.

3. Welche Höhe ist zu überbrücken?

4. Soll die Rampe zeitweise fest installiert werden? Also soll sie zum Beispiel morgens hingestellt, tagsüber weggenommen und abends wieder hingestellt werden können? Oder soll sie dauerhaft installiert werden?