Mit Handicap in den öffentlichen Verkehrsmitteln

SBB-Zug (Fabio Sommaruga/pixelio.de)
Der Hauptbahnhof Erfurt wurde von „Allianz pro Schiene“ zum Bahnhof des Jahres 2009 gekürt (Fabio Sommaruga/pixelio.de)

Immer mehr Angebote der öffentlichen Verkehrsmittel sind für Menschen mit Behinderung zugänglich. Auf ein paar Dinge muss man allerdings achten.

Wir wissen: Mit einer gültigen Wertmarke können Inhaber des orange-grünen Schwerbehinderten-ausweises (also ab einem Grad der Behinderung von 50) den öffentlichen Personennahverkehr innerhalb von Deutschland kostenlos in Anspruch nehmen. Ist das B drin, kann die Begleitperson sogar gratis mitkommen. Dazu muss der Schwerbehindertenausweis samt Streckenverzeichnis und gültiger Wertmarke mitgeführt werden. Wie und wo man den Ausweis bekommt, lesen Sie hier.

Behindertengerechte Anpassungen

Hierzulande hat man auch ohne ein eigenes Fahrzeug eine relativ hohe Mobilität. Die Infrastruktur Deutschlands gilt weltweit als eine der besten. Das Personenbeförderungsgesetz schreibt vor, dass „für die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs eine möglichst weitreichende Barrierefreiheit zu erreichen“ ist. Erfahrungsgemäß stellt sich dennoch die Frage: Wie zugänglich sind die öffentlichen Verkehrsmittel für behinderte Menschen tatsächlich?

Mit Niederflurbussen, Aufzügen zu den Bahngleisen, über den Blindenstock ertastbaren Bodenrillen und visualisierten Informationstafeln für hörgeschädigte Reisende ist für die Mobilität von behinderten Menschen schon viel möglich gemacht worden. Dennoch: Das Interessenbündnis „Allianz pro Schiene“ vermeldet, es seien bisher lediglich „fast drei Viertel der Bahnhöfe in Deutschland“ barrierefrei. Es gibt also noch einiges zu tun.

Unvorhergesehenes gibt es immer

Schaut man sich die Infobroschüre „Einsteigen leicht gemacht“ vom Münchner Verkehrsnetz MVV an, fallen einem die zentral gelegenen S-Bahnstationen Donnersbergerbrücke und Isartor gleich negativ auf: An diesen Stationen gibt es keine Aufzüge – wie insgesamt 27 Prozent der S-Bahnstationen laut dem MVV, zumeist außerhalb des Innenraums. Dafür hat im Gegensatz dazu nahezu jede U-Bahnstation mindestens einen Aufzug.

Was ist, wenn der Aufzug defekt ist oder eine Baustelle die Rampe ersatzlos absperrt? Hier bietet sich der Notknopf in der Nähe der Informationstafeln an: Man wird automatisch mit der Leitstelle verbunden und binnen mehreren Minuten ist die U-Bahn-Wache da, die einen zum Beispiel die Rolltreppe hoch helfen kann. Bei Elektrorollstühlen allerdings nicht – aus Sicherheitsgründen. Dann kommt man leider nicht umhin, die nächste Station anzupeilen.

Manche Rampen werden manuell ausgeführt, manche elektronisch gesteuert
In München sind laut MVG auf allen Buslinien Niederflurfahrzeuge unterwegs (Foto: MVV)

Mit dem Rollstuhl rein in Tram und Bus

Die Münchner Straßenbahnlinien fahren alle mit behindertengerechten Fahrzeugen – von einer Linie abgesehen. Als Münchner sichte ich jedoch hin und wieder ältere Trambahnen, in die ein Rollstuhlfahrer kaum reinkommt. Da heißt es dann leider: auf die nächste, hoffentlich moderne Tram warten. Außer es helfen freundliche, kräftige Menschen in die Tram hinein.

Vielleicht dann doch besser Bus fahren? Laut MVG-Webseite sind in München„überwiegend“ Niederflurbusse unterwegs, doch Frau Symanski von der MVG-Zentrale spricht gar von „100% barrierefreien Bussen“ – man unterscheide jedoch zwischen manuell ausführbaren und elektronisch gesteuerten Rampen. Doch gilt oft folgende Devise: Je weiter man von den Stadtzentren entfernt ist, desto weniger barrierefrei sind die öffentlichen Verkehrsmittel.

Andere Ballungsräume schreiten auch voran

Ähnlich sieht es in anderen Städten Deutschlands aus – mit mehr oder weniger Einbußen an barrierefreien Stationen. Die hohe Münchner Aufzugsdichte in den Innenraumstationen haben Hamburg und Berlin nicht. An gutem Willen mangelt es allerdings nicht: Überall sei man an kontinuierlichem Barriereabbau, jedoch sei „der technische und finanzielle Aufwand für Modernisierungen sehr hoch“, weshalb das nicht von heute auf morgen geschehe (Broschüre „Barrierefrei unterwegs“ vom HVV).

Jeder gute Webauftritt eines Verbundnetzes hat eine eigene Rubrik zum Thema Barrierefreiheit. Dort können Sie sich meistens recht umfassend über die Begebenheiten informieren oder – falls nötig – über eine Servicenummer telefonisch anfragen. Bei manchen lässt sich bereits bei der elektronischen Fahrplanauskunft die Mobilitätseinschränkung mit einbeziehen.

Rechts unten am Gleis sehen Sie die Bodenrillen – ertastbar mit Fuß und Blindenstock
Rollstuhlfahrern wird empfohlen, vorne an der Fahrerspitze einzusteigen (Foto: HVV)

Vorbildlich: Der Berliner Begleitservice

In Berlin kann sogar ein kostenloser Begleitservice unter der Nummer 030 – 34 64 99 40 bestellt werden. Montag bis Freitag von 7 Uhr bis 20 Uhr steht dieser Dienst mobilitätseingeschränkten Fahrgästen etwa für „Hilfe an komplizierten Umsteigepunkten“ zur Verfügung. Man muss den Bedarf jedoch spätestens einen Tag vorher melden.

Ganz so toll ist es aber nicht, wenn man beispielsweise in einer Gruppe von Rollstuhlfahrern unterwegs ist oder man mit Kinderwägen um die Stellplätze konkurrieren muss. Zwar schreiben EU-Sicherheitsvorkehrungen aus „versicherungstechnischen Gründen“ (Symanski) für öffentliche Verkehrsmittel begrenzte Stellplätze für Rollstühle vor. Aber Sommer 2008 stellte das Bundesverkehrsministerium klar, dass außer den vorgesehenen Stellplätzen auch weitere Flächen in Anspruch genommen werden können.

Ist der Bus leer, können im Ermessen des Fahrers also weitere Rollstühle rein. Ähnliches gilt für Straßenbahnen. Außerdem empfiehlt Symanski Rollstuhlfahrern, bei S- und U-Bahnen vorne an der Fahrkabine einzusteigen. Dort sei es sicherer, denn der Fahrer könne besser sehen, ob der Fahrgast auch vollständig eingestiegen ist.

Bahn frei für Rollstühle?

Als Eigentümer der S-Bahnen und regionalen Züge zählt die DB Regio AG, ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn, ebenfalls zu den Anbietern öffentlicher Verkehrsmittel. In Zügen der Produktklasse C (d.h. die RE, die RB und vergleichbare Züge) können behinderte Reisende kostenlos mitfahren. Dazu muss der Schwerbehindertenausweis samt Streckenverzeichnis und gültiger Wertmarke mitgeführt werden.

Sollte ein Mensch mit Handicap für eine Bahnfahrt – etwa mit einem Zug einer höheren Produktklasse – doch zur Kasse gebeten werden, kann er die Kosten mit einer BahnCard reduzieren. Die BahnCard 50 für die 2. Klasse kostet schwerbehinderten Menschen statt 230 Euro nur 118 Euro und verbilligt ein ganzes Jahr lang jede Fahrkarte um die Hälfte.

Mobilitätsservice in Anspruch nehmen

Schwierigkeiten beim Fahrkartenkauf? Wählen Sie 01805 / 512 512 und Sie erreichen den Mobilitätsservice der Deutschen Bahn. Sie bekommen dort Unterstützung beispielsweise bei der Sitzplatzreservierung und bestellen dort einen Ein- und Ausstiegsservice, der eine Rampe oder einen Hublift bereitstellt, falls eine solche Hilfe nicht in dem Zug integriert ist.

Maximale Zugänglichkeit für behinderte Menschen wäre jedoch gegeben, wenn spontanes Reisen kein Problem darstellen würde. Dem ist heute aber immer noch nicht so – insbesondere Rollstuhlfahrern ist eine gewisse Vorarbeit anzuraten, wenn sie ihnen unbekannte Orte oder Stationen anfahren möchten. Nichtsdestotrotz können Reisende mit Handicap in den meisten deutschen Städten relativ gut vorankommen.

Text: TMI

Fotos: MVV, HVV, pixelio.de

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