Schönheit trotzt Handicap

In Deutschland und in der Schweiz machen zwei Schönheitswettbewerbe für Menschen mit Handicaps deutlich, dass Schönheit und Behinderung keine sich ausschließenden Gegensätze sind. Im Gegenteil.

Mit der Wahl zur Miss Handicap wollen die Schweizer Organisatoren aufzeigen, dass Frauen auch mit einer Behinderung attraktiv sein können. Als Kandidatin kann sich bewerben, wer eine Körper- und/oder Sinnesbehinderung hat. In Deutschland ebnete zwischen 2003 und 2008 eine ähnliche Veranstaltung den Weg dazu.

Schönheit kommt von Innen – so könnte man die Idee hinter Miss Handicap umschreiben. Mit diesem Projekt soll ein Zeichen in unserer Gesellschaft zur Integration von Menschen mit Handicap gesetzt werden. Denn jeder Mensch hat irgendwo Einschränkungen, welche ihn in seinem Handeln behindern. Nur bleibt das meistens äußerlich verborgen.

Vorreiterprojekt beendet

In Deutschland wurde 2008 das Vorreiterprojekt "Beauties in Motion" nach fünf erfolgreichen Jahren eingestellt. In dieser Zeit konnten sich die jungen Frauen im Rollstuhl auf dem Catwalk präsentieren. Die Agentur, welche den Wettbewerb jeweils organisierte, vermarktet nun Models im Rollstuhl.

Mit den Veranstaltungen haben die Organisatoren dafür gesorgt, dass in der Öffentlichkeit Schönheit und Behinderung nicht mehr als Widerspruch wahrgenommen werden. Warum aber nach der fünften Auflage mit dem Wettbewerb plötzlich Schluss war, erklärte Renate Weidner vom Veranstalter partizip e. V. gegenüber MyHandicap:
„Den Modelcontest „beauties in motion“ mussten wir einstellen, da die Finanzierung die ganzen Jahre über schwierig und zum Schluss nicht mehr tragbar für uns war.“
Es sei aber auch so, dass sie das Projekt auf seinem Höhepunkt verabschiedet hätten. Ein Höhepunkt des letzten Wettbewerbs sei das Fotoshooting mit Bikern und Motorrädern gewesen.
Auf alle Fälle wäre es wünschenswert, wenn weiterhin Schönheitsköniginnen im Rollstuhl gekürt würden, resümierte Renate Weidner.

Sprungbrett für die Karriere 

Dass das Projekt als ganzes wie auch für die einzelnen Teilnehmerinnen ein Erfolg war, zeigte sich auch im Nachhinein. Die Frauen konnten sich auf dem Laufsteg präsentieren und so ihrer Modellaufbahn Aufwind verschaffen.

Eine Karriere hänge nicht von einem Sieg ab, sondern davon, wie sich ein Model als Person einbringe und ob es die "Bodenhaftung" behalte, erklärt Renate Weidner. Das sei den Teilnehmerinnen auch immer vermittelt worden.

Als Zeichen der nachhaltigen Wirkung in der Gesellschaft kann gewertet werden, dass die Zeitschrift BRIGITTE als erste eine fünfseitige, reine Modestrecke mit Nina, einer der Finalistinnen aus dem ersten Jahr gemacht hat.

Botschafterin und Mutmacherin

Nicht nur durch Charisma und Intelligenz können Frauen mit Behinderung genau so attraktiv sein wie Frauen ohne Behinderung. Die Miss Handicap aus dem gleichnamigen Schweizer Wettbewerb soll Botschafterin für andere Menschen mit Behinderung werden und ihnen Mut machen.

Dies ist das Ziel von Michelle Zimmermann. Sie ist die Initiantin und Projektleiterin von Miss Handicap und lebt selber mit einer Behinderung. Sie wurde 1980 mit einer seltenen Hautkrankheit (Epidermolysis Bullosa dystrophica) geboren und arbeitet heute nach einer kaufmännischen Ausbildung und Weiterbildung im Bereich Human Resources als Event-Managerin und Tierpsychologin. Außerdem berät sie andere Betroffene im Umgang mit ständigem Schmerz.

Verschiedene Behinderungsarten

Speziell an der Wahl der Miss Handicap ist, dass verschiede Behinderungsarten und Formen zugelassen sind und diese nicht in Kategorien unterteilt werden. Es können also Frauen mit Körper- und/oder Sinnesbehinderung mitmachen. Dies ist der Hauptunterschied zur „beauties in motion-Wahl in Deutschland, an der nur Rollstuhlfahrerinnen teilnehmen konnten.

Damit es bei der Miss Handicap Wahl 2009 dennoch zu einer fairen Auswahl kommt, wurden besondere Auswahlkriterien erarbeitet. Die Behinderung oder das damit verbundene Verhalten wird bei der Bewertung ausgeschlossen. Vielmehr zählen Ausstrahlung, Charisma, Offenheit und auch die nicht von der Behinderung betroffenen Körperstellen.

Begriff der Schönheit neu definieren

Dass so eine Wahl auch Fragen aufwirft, versteht sich von selbst. So ist unbestritten, dass manche Behinderungen Menschen auch entstellen können. Den Vorwurf, dass die Fokussierung auf Äußerlichkeiten erneut ein Schlag ins Gesicht dieser Menschen sein könnte, lässt Adrian Hauser, zuständig für Medien und PR bei Miss Handicap, nicht gelten: „Menschen deren Äußeres nicht der Norm entspricht sind explizit erwünscht. Denn es geht unter anderem auch darum, den Begriff der Schönheit neu zu definieren, bzw. aufzuzeigen, dass Schönheit nicht nur eine Frage von Äußerlichkeiten ist.“

Außerdem sei es auch eine Frage, wie man „Entstellung“ definiere. So sei es doch vor allem der Blick der anderen auf das Handicap, der entstelle oder entstellend wirke, sagt Hauser. Gerade diese Sichtweise auf Behinderungen, bzw. Menschen mit Behinderung, wolle man mit Miss Handicap ändern.

„Es soll also keine Miss Wahl werden, bei der wie anderswo Idealmasse und „Mainstreamschönheit“ zelebriert werden. Die Veranstaltung soll andere Menschen mit Behinderung dazu ermutigen, am öffentlichen Leben teilzunehmen und sich auf die eigenen Stärken statt auf die so genannten Einschränkungen zu konzentrieren.

Eine so genannte „Einschränkung“ ist letztendlich auch wieder gesellschaftlich bedingt, bzw. das, was die Gesellschaft daraus macht. Diesem Trend wollen wir entgegenwirken und beidseitig mehr Verständnis, bzw. „Normalität“ erreichen. Daher ist Miss Handicap denn auch ein Gemeinschaftsprojekt von Menschen mit und ohne Behinderung“, schließt Hauser.

Breite Unterstützung

Dies zeigt sich auch im Patronatskomitee, das sich aus folgenden bekannten Persönlichkeiten zusammensetzt:

• Tim Wielandt Mister Schweiz 2007 / Model / Moderator
• Livia Anne Richard Theaterregisseurin / -autorin
• Christoph Sommer Behindertensportler, Mittel- bis Langstreckenläufer
• Natacha Sängerin / Berner-Rocklady
• Urs Brülisauer Geschäftsführer Mister Schweiz® Organisation
• Arnaud Quarre de Champvigy Model / Mister Schweiz Kandidat 2008 mit Hörbehinderung
• Ines Kiefer (Deutschland) Model im Rollstuhl / Sonderpreis Beauties in Motion International 2007
• Gabrielle Antosiewicz Dokumentarfilmregisseurin / -darstellerin / -produzentin
• Markus Maria Enggist Schauspieler

Wer sich für die Wahl anmelden möchte, findet auf der Internetseite des Veranstalters alle notwendigen Informationen. Die Wahlnacht ist für November 2009 geplant. Wann genau und wo diese stattfindet, wird zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben.

 

hia - 1/2009- MyH

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