Video Winfried Sigg - Botschafter MyHandicap

Winfried Sigg ist ein stiller Mensch mit eindringlicher Botschaft

Winfried Sigg

Ein ganz normales Vorbild

Vier Paralympicteilnahmen, eine Goldmedaille, einige Silber- und Bronzemedaillen, dazu verschiedene nationale Titel im Handbiken: Die sportliche Bilanz von Winfried Sigg ist beeindruckend und aller Ehren wert.

Doch der 46-Jährige ist keiner, der sich mit seinen Erfolgen brüstet. Für ihn sind andere Werte wichtig, die er privat, im Beruf und seit gut einem Jahr auch als MyHandicap-Botschafter lebt und vermittelt.

 

Dass Winfried Sigg ein Sportler durch und durch ist, kann man ihm ansehen: Mit seinem schlanken und athletischen Körper bewegt er seinen Rollstuhl fast mühelos, so als wäre er ein eigenes Körperteil. Seine freundlichen Gesichtszüge verraten auch den Willen, die eigenen Grenzen zu erreichen und wenn nötig mal zu überschreiten – nicht vorrangig, um zu gewinnen, sondern weil es für ihn selbst wichtig ist. Fünf Mal in der Woche trainiert Winfried Sigg jeweils zwei Stunden lang; wenn es irgendwie geht immer an der frischen Luft. Unter guten Bedingungen schafft er in dieser Zeit 50 Kilometer – für einen durchschnittlichen Fahrradfahrer wäre es eine Herausforderung, bei diesem Tempo mitzuhalten.

 

Obwohl der 46-Jährige seine paralympische Karriere inzwischen beendet hat, fährt er auch heute noch Handbikerennen. Als Mitglied im Team Sopur nimmt er an sechs bis sieben Rennen im Jahr im Rahmen der Handbike Citymarathon Trophy (HTC) teil. Ähnlich wie im Radsport hat auch beim Handbiken nur ein funktionierendes Team eine Chance zu gewinnen.

Dafür müssen alle daran arbeiten, den stärksten Fahrer der Mannschaft möglichst als Sieger ins Ziel zu bringen. „Um das zu können, muss man auf hohem Niveau fahren“, sagt Winfried Sigg, und es versteht sich von selbst, dass er einer derjenigen ist, die sich vorne im Wind aufreiben. Den Sieg, das Rampenlicht und den ganzen Trubel überlässt er gerne anderen.

Die vielen Pokale und Medaillen, die er gewonnen hat, stehen bei seinen Eltern im Keller. „Wenn sie da nicht mehr bleiben können, werde ich sie zum Sperrmüll bringen“, sagt der leidenschaftliche Sportler.

Winfried Sigg gemeinsam mit seiner Familie im Urlaub.
Beim gemeinsamen spielen mit seinem Kind.

Offenbarungen im Dienste der Aufklärung

Es ist kein Zufall, dass Winfried Sigg im Team Sopur fährt. Seit 1992 ist er Produktberater bei Sunrise Medical, die das Team Sopur sponsern. Auch in seinem Job ist der 46-Jährige ein Teamspieler. Vor allem informiert er die Kunden über die zahlreichen Hilfsmittel und Sportprodukte des Unternehmens und verhilft ihnen zu einer optimalen Versorgung. „Einige Kunden kommen schon seit 15 Jahren zu mir“, erzählt er. Damit auch andere Mitarbeiter des Unternehmens von den fundierten Kenntnissen und der langjährigen Erfahrung von Winfried Sigg profitieren können, hat er inzwischen auch die Schulung des Kundenservices übernommen.

Außerdem führt der 46-Jährige Workshops für Therapeuten durch, die noch keine ausgeprägten Erfahrungen mit Rollstuhlfahrern haben. Darin erklärt er, wie man einen Rollstuhl fährt und ausmisst, aber auch, wie man sich als querschnittgelähmter Mensch fühlt.

 

„Das ist manchmal wie ein kleiner Striptease“, berichtet Winfried Sigg.
Die jungen Menschen, die oft noch in der Ausbildung sind, haben keinerlei Erfahrungen mit behinderten Menschen – und deshalb tausend Fragen.
Dazu gehören oft harmlose, wie zum Beispiel „Fahren Sie auch in den Urlaub?“ oder „Wie geht denn das mit dem Autofahren?“. Manchmal wird es aber auch sehr persönlich, wenn beispielsweise jemand wissen will, ob ein querschnittgelähmter Mann auch Kinder zeugen kann. In diesem Fall braucht Winfried Sigg nur auf seinen siebenjährigen Sohn Lennart zu verweisen, der viele Jahre nach Eintritt der Querschnittlähmung zur Welt kam und seinen Vater nur als Rollstuhlfahrer kennt. Den Unterschied nimmt der Kleine durchaus wahr, ein Problem ist das für ihn aber nicht. „Du bist genau wie alle Papas, nur dass du einen Rollstuhl hast“, hat er einmal festgestellt.

Die persönliche Einstellung ist wichtig

„Durch seine vielfältigen Aktivitäten und seine positive Lebenseinstellung ist Winfried Sigg prädestiniert dafür, Botschafter für unsere Organisation zu sein“,
erklärt Dr. Andreas Schepermann, geschäftsführender Gesellschafter von MyHandicap.

Auch Winfried Sigg musste nicht lange über das Angebot nachdenken. „Ich finde, das ist eine gelungene Sache“, stellt er unmissverständlich fest. Aus eigener Erfahrung, aber auch durch seine berufliche Tätigkeit weiß er, dass insbesondere Frischverletzte oftmals erschreckende Betreuungs- und Wissensdefizite haben.

„Viele Ärtze, Therapeuten und Sozialarbeiter sind mit der Situation einfach überfordert“, berichtet er. Abgesehen davon ist der 46-Jährige aber auch davon überzeugt, dass der Austausch unter Menschen, die sich in einer ähnlichen Position befinden, besser funktioniert. „Wie man in den Rolli übersetzt oder in eine Hose reinkommt, kann man am besten von einem alten Hasen lernen“.


Als alten Hasen darf Winfried Sigg sich durchaus bezeichnen.
Fast 30 Jahre sitzt er schon im Rollstuhl, nachdem er als 18-Jähriger einen Motorradunfall hatte. Wut oder Verzweiflung über dieses Ereignis empfindet
er nicht. „Den Zeitpunkt hat das Schicksal gut gewählt, weil ich noch nicht fest im Leben stand und alles noch gestalten konnte“, berichtet er.

Mit seinem Leben ist Winfried Sigg deshalb zufrieden, und er ist fest davon überzeugt, dass man mit der richtigen Einstellung und Unterstützung auch als behinderter Mensch ein erfülltes Leben führen kann. Damit auch andere Menschen, die neu mit einer Behinderung konfrontiert sind, ihren Weg finden, wird Winfried Sigg auch zukünftig als Botschafter mit Rat und Tat zur Verfügung stehen. Wenngleich ihm dabei die gesamte Lebenseinstellung besonders wichtig ist, darf doch ein Faktor nicht fehlen.

„Sport ist für Rollstuhlfahrer bedeutsam, weil sie sonst zu wenig Bewegung haben“,

sagt der 46-Jährige. Er ist eben ein Sportler durch und durch.

 

Text: Volker Neumann, Bilder: privat