Markus Rehm - Der mit den Wellen tanzt

Markus Rehm auf seinem Wakeboard
Markus Rehm auf seinem Wakeboard

Markus Rehm ist ein ganz normaler junger Mann.

Der 18-Jährige macht eine Lehre als Orthopädie-Techniker, ist sportbegeistert und geht gerne feiern. So wie er sich bewegt, fällt erst auf den zweiten Blick auf, dass er eine Unterschenkelprothese trägt. Aber dieses kleine Handicap hält ihn nicht davon ab, auf dem Wakeboard wagemutige Sprünge zu zeigen.

Der Motor röhrt, das Wasser schäumt, 140 Pferdestärken treiben das Motorboot auf dem Main bei Würzburg an und beschleunigen es auf bis zu 40 Stundenkilometer. Am Heck ist an einem Bügel, dem so genannten Tower, eine Leine befestigt.

Interview mit Markus Rehm

An ihrem Ende hält sich Markus Rehm fest, um auf seinem 1,38 Meter langen Wakeboard die Wellen zu jagen, die im Kielwasser des Motorboots entstehen. „Jetzt der Double-Up“, brüllt er seinem Vater zu. Bootsführer Herbert Rehm gibt Vollgas und macht eine Kehre um 180 Grad. Bei diesem Manöver vereinen sich zwei Wellen hinter dem Boot und schwappen bis zu einer Höhe von vier Metern empor. Dieser „Fahrstuhl“ ist die beste Voraussetzung, um den „Tantrum“, einen Rückwärtssalto, zu stehen. Markus Rehm gelingt dabei sogar noch ein „Grab“, indem er in der Luft eine Hand elegant ans Brett bringt.
 

Markus beim Springen mit dem Wakeboard
Markus beim Springen mit dem Wakeboard

Wie kommt ein junger Mann aus Donzdorf in der Schwäbischen Voralb zum Wakeboarden? „Meine Eltern waren schon immer begeisterte Wasserskifahrer, sie haben einen Dauercampingplatz und ein eigenes Boot am Main in der Nähe von Würzburg“, erklärt Markus Rehm. Er selbst begann sehr früh mit diesem Sport, irgendwann wurde es ihm aber zu langweilig.

So passte es gut, dass Ende der 90er-Jahre Wakeboarding als Trend aufkam. Von da an galt seine Leidenschaft Rallys, Whirly-Birds und Back-Rolls. Rehm und seine Kumpanen lassen solche Begriffe ständig in ihre Fachsimpeleien einfließen, denn die meist jugendliche Wakeboarder-Szene ist eine Welt für sich. „Auch die Stars sind gute Bekannte, wir sind noch eine ziemlich kleine Gruppe in Deutschland und haben richtig Spaß miteinander“, erzählt Markus Rehm.

Ein Motorboot ist für den Sport nicht zwingend erforderlich, denn es gibt auch die Möglichkeit, an Wasserski-Liftanlagen zu boarden, statt der Wellen nutzt man dann fest installierte Schanzen zum Springen.

Markus beim Springen hinter dem Boot

Auch das bisher wohl einschneidendste Erlebnis seines Lebens hat mit dem Wakeboarden zu tun. Im August 2003 wurde der damals 14-jährige Rehm auf dem Main von einem Boot überfahren und geriet in die Schiffsschraube. Das schwer verletzte rechte Bein musste nach einer Blutvergiftung unter dem Knie amputiert werden.

Rehm verbrachte sechs Wochen im Krankenhaus und fünf Wochen in der Reha. Nach anfänglicher Sorge darüber, wie wohl die Freunde auf sein Handicap reagieren würden, waren gerade diese verantwortlich für einen wahren Motivationsschub. Sie besuchten ihn regelmäßig im 170 Kilometer von Donzdorf entfernten Würzburg und brachten ihm Videos von Wettkämpfen mit, die ihn wieder heiß aufs Wakeboarden machten.

Schon in der Reha knüpfte Rehm Kontakte zum Sanitätshaus Nonnengäßer & Tebbi in Donzdorf, wo er schließlich auch mit der ersten Prothese versorgt wurde, die nicht mehr drückte. „Nachdem die Interimsprothesen nie richtig passten, war das ein entscheidender Fortschritt für mich“, sagt Markus Rehm.

Gleichgewichtsübung: Mit einfachen Mitteln lässt sich die Situation auf dem Wakeboard simulieren

Und so fasste er bald den Entschluss, das Wakeboarden nun intensiver zu betreiben: „Ich wollte mir beweisen, dass ich den Sport nach wie vor ausüben kann.“ Herbert Rehm ist noch heute beeindruckt von der rasanten Entwicklung seines Sohnes: „Bereits ein paar Wochen nach der Reha stand Markus wieder auf dem Board, das hätte ich nicht für möglich gehalten.“

Schnell knüpfte er wieder an seine alte Form an und verbesserte sich stetig. Höhepunkt seiner Karriere war 2005 der Titel des Vize-Jugendmeisters bei den Deutschen Meisterschaften – als einziger Teilnehmer mit Behinderung. Heute trainiert er nicht mehr so oft und sieht das Wakeboarden mehr als Freizeitvergnügen. „In den USA gibt es Profis, die ihr Geld damit verdienen“, berichtet Markus Rehm.

Vom Können der US-Amerikaner konnte er sich im vergangenen Jahr selbst überzeugen. Er nahm an den Extremity Games in Orlando/Florida teil, ein Eldorado für Sportarten, die es (noch) nicht bis zur Aufnahme ins paralympische Programm geschafft haben. Den Flug sponserte ihm die Firma Teufel, für die er auch Liner testet, einen zusätzlichen Pathfinder-Fuß stellte Ohio Willo Wood zur Verfügung.

Markus Rehm mit seinem Wakeboard

Zu Hause in Donzdorf spielt Markus Rehm gerne Fußball, fährt Mountainbike und trainiert Kinder im Leichtathletikverein. Um sich hier fit für das Wakeboarden zu halten, hat er sich eine ganz spezielle Art des Trainings ausgedacht. In einem kleinen Freizeitpark ganz in der Nähe gibt es neben Minigolf, Kettenkarussell und Miniatureisenbahn auch eine Trampolinanlage.

Kinder, die dort herumhüpfen, staunen nicht schlecht, wenn Rehm seine Vorbereitungen trifft. Er befestigt eine Leine am Zaun, der die Sprungfelder umgibt, und simuliert so die Situation hinter dem Motorboot. Nach einigen Sprüngen hat er die nötige Höhe erreicht, um die Bewegungsabläufe zu üben, die er später auf dem Wakeboard umsetzen möchte. Er schlägt Saltos, liegt mal in der Waagrechten, mal kopfüber in der Vertikalen, oder dreht sich um die eigene Achse, um einen Spin zu simulieren, wie es im Szenejargon heißt.

All diese Aktivitäten führt Rehm ohne sichtbare Beeinträchtigung aus. Er trägt einen Schaft mit Silikon-Liner und den Pathfinder-II-Prothesenfuß von Ohio Willow Wood, der mit seinem in der Ferse eingebauten Stoßdämpfer die Sprünge sowohl auf dem Trampolin als auch auf dem Wasser sehr gut abfedert.

Markus auf dem Trampolin beim Springen

Beim Wakeboarden trägt er zusätzlich einen wasserdichten Überzug über dem Schaft, damit kein Wasser eindringt. Der Sport stellt höchste Ansprüche an die Materialien und an den Körper des Sportlers. „Das Wasser kann unheimlich hart sein, wenn man nach einem Sprung zu steil in die Welle einsticht“, erklärt Markus Rehm. „Mir ist beim Boarden so schon mal ein Prothesenschaft gerissen.“

Schwierigkeiten bereiten ihm nur Kleinigkeiten, wie etwa das Einsteigen in die Bindung mit dem Prothesenfuß, aber da hilft eine Portion Spüli als Gleitmittel weiter. Auch das Umsteigen auf dem Board, also der Belastungswechsel der Füße, ist für ihn nicht ganz einfach: „Die Koordination ist mit Prothese natürlich nicht ganz so optimal wie mit zwei natürlichen Beinen“, sagt Rehm.

Im täglichen Leben geht der 18-Jährige sehr offensiv mit seinem Handicap um. Selbst wenn er abends mit Freunden unterwegs ist, versteckt er sein Kunstbein nicht. „Ich sehe das positiv, denn schließlich bin ich durch die Prothese fast einzigartig.“ Einzigartig dürfte vor allem die Aufmachung seiner Unterschenkelprothese sein: Sie ist knallorange lackiert und mit einem
Totenkopf versehen, also ein echter Hingucker.

Der Chef und sein Azubi: Michael Nonnengäßer bespricht mit Markus Rehm eine Prothesenversorgung

Zum größten Hobby von Markus Rehm ist inzwischen die Arbeit im Sanitätshaus Nonnengäßer & Tebbi geworden. Nach dem Schulabschluss im letzten Jahr absolvierte er dort erst ein Praktikum und bekam schließlich eine Lehrstelle als Orthopädie-Techniker.

Geschäftsführer Michael Nonnengäßer ist sehr zufrieden mit ihm: „Markus arbeitet im zweiten Lehrjahr schon sehr selbstständig und stellt Prothesen nach dem Gipsabdruck weitgehend allein fertig.“Beim Kontakt zu anderen Beinamputierten hat Rehm natürlich einen Vorteil. „Unsere Kunden können sich mit Markus identifizieren, denn sie haben oft ähnliche Erfahrungen gemacht wie er“, lobt der Chef seinen Azubi.

Für die Zukunft hat sich Markus Rehm einiges vorgenommen. Erst einmal möchte er im nächsten Jahr seine Gesellenprüfung bestehen, um später dann seinen Meister zu machen oder zu studieren. „Ich würde gerne in der Prothetik arbeiten, am liebsten in der Entwicklung“, sieht er seine Zukunft auf jeden Fall in der Orthopädie-Technik.

Markus beim Salto mit dem Wakeboard

Trotz aller Erfolge und bereits gemeisterter Herausforderungen ist Markus Rehm ein ganz normaler Jugendlicher geblieben. In seiner Freizeit trifft er sich mit Freunden zum Grillen, Bier trinken und Plaudern. Am Wochenende geht es dann oft in die Disco – ein Weg, der eigentlich überflüssig ist.

Denn Markus Rehm hat sich selbst eine Musikanlage in die Prothese eingebaut. Im Fuß steckt ein Akku, im Schaft ein MP3-Player und im Unterschenkel die Boxen. „Das Problem ist nur“, sagt Markus Rehm lachend, „dass in der Disco die interessanten Mädchen zu finden sind“.

Text: Thomas Stenner

Fotos: Gunther Belitz, Herbert Rehm