MyHandicap-Botschafterin Dagmar Marth liebt die Vielseitigkeit

Dagmar Marth
Dagmar Marth

Freude an Sport und künstlerischen Ausdrucksformen, beides zieht sich wie ein roter Faden durch Dagmar Marths Leben. Und beide Leidenschaften lebt sie heute aus – 22 Jahre, nachdem sie bei einem Unfall ihren linken Arm und ihr linkes Bein verloren hat. Als MyHandicap-Botschafterin zeigt sie Betroffenen, dass ein erfülltes Leben auch mit Behinderung
möglich ist.

"Ich mache mehr als ich mir je vorstellen konnte“, erklärt Dagmar Marth, die seit 1984 in Berlin lebt. Die frühere Sportlehrerin geht gerne tanzen, schwimmen, zweimal wöchentlich ins Fitnessstudio und – seit sie sich ihren Wunsch nach einer speziellen Prothese erfüllen konnte – sogar joggen. Selbst regelmäßige Sauna-Besuche gehören wieder zu ihrem Gesundheitsprogramm und sie fühlt sich wohl dabei. „Ich verstecke mich nicht mehr, sondern mache einfach, was mir gut tut“, sagt die vielseitig aktive Thüringerin.

In ihrer Eigenschaft als MyHandicap-Botschafterin ist es Dagmar Marth daher wichtig, Neuverletzte zu motivieren, so früh wie möglich wieder aktiv zu werden. Angehörigen legt sie ans Herz, behinderte Menschen dort zu unterstützen, wo sie es brauchen und offen miteinander „über die Schmerzen, die auf beiden Seiten da sind und über neue Möglichkeiten“ zu sprechen. „Genauso wichtig ist es aber, einander Trost zu spenden“, fügt sie hinzu.

Bedeutend findet die 49-Jährige vor allem eins: Respekt vor dem Menschen, der mit seiner neuen Situation fertig werden will. Die Familie müsse dem Betroffenen zutrauen, selbst mit der neuen Lage umzugehen und ihn bei der Verwirklichung seiner Wünsche unterstützen.

So helfe sie ihm am besten, den Glauben an die eigenen Fähigkeiten zurückzugewinnen. Der Betroffene müsse aber auch akzeptieren, dass man mit Behinderung immer wieder auf seine Umwelt angewiesen ist: „Ich brauche im Alltag Hilfe. Alles allein machen zu wollen würde mich gnadenlos überfordern. Es hat mein Leben erheblich erleichtert, dass ich gelernt habe, auch um Unterstützung zu bitten und diese dankbar anzunehmen.“

Dagmar im Urlaub

Kinder halfen Zweifel zu überwinden

Nach ihrem Unfall bewegten Dagmar Marth vor allem zwei Fragen: Ob sie jemals wieder in der Lage sein würde zu laufen, und ob jemand sie auch mit ihrer Behinderung überhaupt je wieder lieben wird.

Diese Zweifel abzustreifen und wieder eine positive Lebenseinstellung zu finden, gelang ihr erst allmählich. Rückblickend sagt die heute knapp 50-Jährige: „Ich habe mich lange nur als Behinderte betrachtet und nicht gewagt, Hilfe von außen einzufordern. Frauen in meiner Situation tendieren dazu, hart zu werden und ihren weiblichen Teil zu verstecken.“

Wesentlichen Anteil daran, dass sie es schaffte, diese Phase zu überwinden, hatten ihr damaliger Mann und ihre Kinder, die sie drei bzw. vier Jahre nach ihrem Unfall zur Welt brachte. „Die beiden kannten mich nur mit meiner Behinderung und haben mich ganz selbstverständlich akzeptiert, deshalb konnte ich ihnen vollkommen vertrauen. Später haben sie mich dann zum Wettschwimmen aufgefordert oder zum Federball spielen und diese Normalität hat mir sehr geholfen.“

Ihre Mobilität ist Dagmar Marth außerordentlich wichtig, dazu tragen in erster Linie gute, perfekt sitzende Prothesen bei. Außerdem kommt es darauf an, den Körper genügend zu bewegen, da sonst schnell Fehlhaltungen oder andere Erkrankungen entstehen können. Deshalb schwört die Botschafterin auf Bewegung, um nicht irgendwann ein Pflegefall zu werden. Mittlerweile fühlt sich Dagmar Marth versöhnt mit ihrem Schicksal. Ihr Selbstverständnis ist nicht mehr das einer Behinderten, sondern einer Frau mit Behinderung – was sie als enormen Fortschritt empfindet.

Heute gesteht sie sich ihre Wünsche zu und nutzt ihr Potential, nicht nur in sportlicher Hinsicht: Schon als Jugendliche wollte sie auf die Bühne, eine Leidenschaft, die sie nie ganz abgelegt hat. Seit einiger Zeit hält sie nun Lesungen in Buchhandlungen und genießt die Interaktion mit dem Publikum. Bestärkt durch diesen Erfolg, traut sie sich jetzt viel mehr zu, nimmt Gesangsunterricht und arbeitet momentan an einem musikalischen Lyrikprogramm, das sie vom Sommer an präsentieren möchte.

„Das Schöne ist, dass ich dabei total vergesse, dass ich eine Behinderung habe. Und ich denke, dass ich mit meinen Auftritten auch Leute motivieren kann, die sich selbst zum Beispiel zu dick oder zu hässlich finden und sich deshalb nicht an die Verwirklichung ihrer Wünsche wagen.“

Mut machendes Vorbild bei MyHandicap

Nachdem sie selbst durch viele Höhen und Tiefen gegangen ist, weiß Dagmar Marth, wie wichtig der Austausch mit anderen Betroffenen ist. Darum hat sie die Idee von MyHandicap auch von Anfang an begeistert. Insbesondere die Kliniktage sind in ihren Augen eine tolle Einrichtung: Dass die Botschafter frisch Verletzte schon direkt in der Klinik kontaktieren, findet sie prima.

„Zur Zeit meines Unfalls lebte ich in der DDR und bekam einfach keinen praktischen Rat. Zwar wurde ich lange und gut rehabilitiert, doch nicht integriert. Vorbilder zu finden, die einem wieder Mut machten, war schwierig. Nun schickt MyHandicap uns in die Klinik, damit Betroffene aus erster Hand erfahren, was trotz Behinderung alles möglich ist.“

„Dagmar Marth ist für uns eine wertvolle Botschafterin, weil sie eine gleichermaßen positive und tatkräftige wie einfühlsame Persönlichkeit ist, die die Schwierigkeiten behinderter Menschen selbst erlebt und, soweit möglich, überwunden hat“, erklärt Dr. Andreas Schepermann, geschäftsführender Gesellschafter von MyHandicap.

Als vor gut einem Jahr der erste Kontakt entstand, war die Zusammenarbeit darum auch schnell beschlossene Sache. Mittlerweile hat Dagmar Marth mehrere Schulungen der Organisation absolviert, die ihr geholfen haben, Hilfesuchende umfassend zu beraten.

„Dabei habe ich auch andere Botschafter getroffen, was für mich sehr schön ist, da wir uns austauschen und besprechen können. Ich werde dadurch selbst immer wieder motiviert.“ Vor allem kümmert sie sich im Rahmen ihrer Botschafter-Tätigkeit um E-Mail-Anfragen, leistet psychische Unterstützung oder gibt praktische Tipps für die Bewältigung des Alltags.

Darüber hinaus vertritt sie die Organisation auf Messen, wo sie behinderten Besuchern und deren Angehörigen Rede und Antwort steht - zum Beispiel Ende April 2008 auf der "Miteinander leben" in Berlin.

Text: Isabell Schaffert

Fotos: privat und Sabine Tennstaedt