Jugendliche mit Behinderung in der Pubertät

Zwei Mädchen und zwei Jungs stehen lachend mit Armen über den Schultern (Stephanie Hofschlaeger/pixelio.de)
Starke Freundschaft und Austausch mit Gleichaltrigen ist für Teenager sehr wichtig (Stephanie Hofschlaeger/pixelio.de)

Als ob die Pubertät nicht alleine schon schwierig genug wäre, stellt sie Jugendliche mit einer Behinderung vor eine ganz besondere Herausforderung. Wenn sie einsetzt, wird alles anders und schwieriger!

Die Pubertät ist der Meilenstein zwischen Kindsein und Erwachsenwerden, eine Phase, die jeder einmal durchmacht, die einen früher, die anderen später. Die Pubertät ist ein Reifungsprozess, in dem sich die geistige, soziale und vor allem die körperliche Reife entwickelt.

Gezielte Aufklärung gegen Ängste und Übergriffe

Letzeres kann Kindern mit Behinderung große Schwierigkeiten bereiten, gerade wenn es sich um geistige Behinderung handelt. Denn dann kann – muss aber nicht – eine große Diskrepanz zwischen dem Sexual- und dem geistigen Alter entstehen. Die großen körperlichen Veränderungen können nicht verarbeitet werden und können Angst, Unsicherheit oder sogar Ekel auslösen.

Wichtig ist hier eine gezielte und rechtzeitige Aufklärung. Dabei soll es nicht nur um Sexualbelange gehen, sondern auch um die körperlichen Veränderungen wie erste Menstruation bei Mädchen und Samenergüsse bei Jungs.

Wichtig ist auch umfassende Information zu möglichen Verhütungsmitteln, bei Mädchen sollte auch ein Besuch bei der Gynäkologin geplant werden. Denn sind wir ehrlich, Teenager haben ihren eigenen Kopf und wenn sie Geschlechtsverkehr haben wollen, werden sie das auch. Je aufgeklärter die Jugendlichen sind, desto eher können Übergriffe und/oder ungewollte Schwangerschaften sowie Krankheitsübertragungen verhindert werden.

Die Lust an sich selbst

Selbstbefriedigung wird auch heute noch tabuisiert, das, obwohl laut Studien 95% der männlichen und 60% der weiblichen Jugendlichen sich regelmäßig selbstbefriedigen. Für die meisten ist dabei klar, dass dies hinter verschlossenen Türen passiert.

„Jugendliche mit einer geistigen Behinderung achten dabei jedoch nicht auf Ort oder Zeitpunkt“, so die Psychologin bei insieme Carmen Wegmann. So könne es passieren, dass sie sich, weil sie eben gerade Lust haben, in aller Öffentlichkeit befriedigen möchten. Eltern oder Betreuungspersonen müssen hier den Jugendlichen klar machen, dass Selbstbefriedigung normal und erlaubt ist, es jedoch etwas Privates ist und zuhause gemacht werden soll.

Graffiti mit Text „Ich liebe dich“ (Aka/pixelio.de)
Die erste Liebe bedeutet viel Gefühlschaos (Aka/pixelio.de)

Identitätssuche und die erste Liebe

Die Pubertät ist auch die große Suche nach dem Ich. Wer bin ich, was macht mich aus, wer will ich sein? „Nicht selten kommt es zum zwanghaften Vergleich mit anderen Jugendlichen und zur Überidentifikation und Idealisierung einen vollkommenen aber unerreichbaren Körperschemas“, erklärt Wegmann.

Durch eine körperliche Behinderung unterscheidet man sich jedoch schon mal ganz klar von den anderen, was für die Jugendlichen sehr belastend sein kann. Für sie sind Idealbilder, wie sie auch von der Werbung vermittelt werden, praktisch unerreichbar. Hier gilt es, das Selbstwertgefühl der betroffenen Jugendlichen zu stärken. Sie müssen lernen, dass sie mit ihrer Behinderung liebenswert und wertvoll sind, dass sie Ziele erreichen und selbstständig sein können.

Spätestens in der Pubertät bilden sich in den meisten Schulklassen die ersten Pärchen, viele Jugendliche mit Behinderung müssen in dieser Zeit die ersten Ablehnungen des anderen Geschlechts verkraften. Das Anderssein wird überdeutlich und zum Problem.

Der Austausch mit Gleichaltrigen mit ähnlichen Behinderungen wird hier umso wichtiger, da die Betroffenen hier nicht durch ihre Behinderung anders sind als die anderen und sich auf das Wesentliche – die sozialen und körperlichen Veränderungen – konzentrieren können. Unter gleichaltrigen Gleichbetroffen können die Jugendlichen erfahren, wer sie wirklich sind, ohne ständig auf ihre Behinderung reduziert zu werden.

Was könnten Eltern tun?

Alle Jugendlichen brauchen mehr oder weniger Begleitung in der Pubertät. Wegmann findet dazu klare Wort: „Von den Eltern ist gefordert, dass sie ihre heranwachsenden Kinder loslassen lernen, ohne sie fallen zu lassen, denn die Jugendlichen wollen die überbehütende Vorsorglichkeit loswerden, ohne die emotionale Geborgenheit zu verlieren.“ Eltern brauchen in dieser Zeit viel Geduld und sollten viel Verständnis zeigen. Gleichzeitig sind jedoch auch Grenzen nötig. Die Führung der Jugendlichen sollte so sein, wie sie selbst: Für eine Person, die kein Kind mehr ist, aber auch noch nicht erwachsen.

Aufklärungsmaterial in einfacher Sprache kann Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung helfen. insieme Schweiz bietet dazu eine ganze Reihe verschiedener Bücher und Broschüren an. Die Liste dazu finden Sie hier.

Das MyHandicap-Forum Partnerschaft & Sexualität ist zudem offen für alle Fragen rund um das Thema Pubertät und Behinderung. Hier werden Ihnen User und Fachexperten mit ihrem Wissen und Rat weiterhelfen!


Text: M. Plattner - 01/2012

Bilder: pixelio.de

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