Auf Ski zurück ins Leben

Freitag, 22. Januar 2016
Foto von Tandem-Paraglyding und Skibob

Barrierefreies Hochalpinerlebnis. Foto: C.C. Schmid

Barrierefreies Hochalpinerlebnis

„Es war wie eine Befreiung“, sagt Doris Peyer über ihr erstes Wintersporterlebnis in der Aletsch Arena im Schweizer Kanton Wallis. Nach vielen Jahren im Rollstuhl hätte sie es nicht für möglich gehalten, jemals wieder Ski zu fahren. Die UNESCO-Region am Aletschgletscher hat für ihre Bemühungen um ein barrierefreies Hochalpinerlebnis den Innovationspreis der Deutschen Stiftung für Querschnitts-lähmung erhalten.

 

Wenn Doris Peyer Ski fährt, spürt sie etwas, was sich vermutlich jeder Mensch hin und wieder sehnlichst wünscht: Freiheit, ein überbordendes Glücksgefühl und einen Moment des Vergessens aller Alltagssorgen. Aber Doris Peyer vergisst auch noch etwas anderes: ihre Krankheit, die ihr seit vielen Jahren den Alltag erschwert. Gleitet sie die Pisten hinunter, ist alles eins – und vieles wesentlich einfacher. „Durch das Skifahren habe ich auf eine Art wieder zurück ins Leben gefunden“, sagt die 57-Jährige und lacht. „Auch wenn das übertrieben klingen mag!“ Viele Jahre lang hatte Doris Peyer sich zurückgezogen, kaum am Leben teilgenommen, fühlte sich nicht mehr dazugehörig. „Ich fühlte mich in meiner Krankheit eingeschlossen.“ Durch einen Arztfehler bei einer Bandscheiben-Operation war eine Dystonie entstanden, die damals 33-Jährige konnte sich ohne Gehhilfen nicht mehr fortbewegen, saß hauptsächlich im Rollstuhl und lag viel. „Heute ist das immer noch so, aber ich hätte nie gedacht, dass ich mich wieder leidenschaftlich für etwas begeistern kann.“ Früher war sie sehr viel Ski gefahren – und sie vermisste die Bewegung, die Dynamik, das Glücksgefühl. In einem Urlaub auf der Riederalp im Skigebiet Aletsch Arena im Schweizer Kanton Wallis nahm sie allen Mut zusammen und wagte sich ins Skibüro. „Ganz vorsichtig fragte sie, ob sie irgendetwas im Schnee machen könnte“, erzählt Willy Kummer, seit mehr als 20 Jahren Leiter der Skischule Riederalp. „Und ich sagte: Klar, du kannst Skifahren!“ Ein Satz, der Doris Peyer zunächst zum Weinen brachte – und schließlich ihr Leben veränderte. Wenig später saß sie auf einem Dualski, einer Art Rollstuhl für den Schnee, und fuhr die ersten vorsichtigen Bögen, geführt vom Skilehrer. „Ich war überglücklich und konnte kaum glauben, dass das möglich war. An die Barrieren und Grenzen, die in meinem Leben die größte Rolle gespielt haben, habe ich plötzlich überhaupt nicht mehr gedacht.“

 

Das Schöne: Auch abseits der Piste haben Menschen mit Behinderung in der Aletsch Arena die Möglichkeit, sich freier zu fühlen als anderswo – und Dinge zu tun, die sie sonst nicht tun. Abgesehen davon, dass schon das völlig autofreie Gebiet einiges erleichtert, hat sich in den vergangenen Jahren viel getan, um ein alpines Erlebnis möglich zu machen. „Die Gondeln und Lifte, Zufahrten und einige Wege sind inzwischen behindertengerecht gestaltet, was ja auch im Sommer von großer Bedeutung ist“, so Willy Kummer. „Solche Entwicklungen freuen uns und die Gäste sehr, zumal sie vor einigen Jahren noch kaum vorstellbar waren.“ Aussichtspunkte am Eggishorn und am Bettmerhorn sind barrierefrei erreichbar. Am Bettmerhorn kann man dank eines Holzstegs auch als Rollstuhlfahrer einen atemberaubenden Ausblick genießen: nicht nur auf den imposanten Aletschgletscher, den größten Eisriesen Europas, sondern auch auf 35 Viertausender, darunter das Matterhorn, Eiger und Mönch. Rollstuhlfahrer, die noch mehr von oben sehen wollen, können in einer der Gleitschirmschulen einen Flug buchen – ein atemberaubendes und unvergessliches Erlebnis, für das keinerlei Vorkenntnisse erforderlich sind. Und selbst eine Art Klettern ist möglich: Im Seilpark Sport und Ferienresort Fiesch wurde ein spezieller Parcours für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen eingerichtet. Für all diese Bemühungen wurde die Aletsch Arena 2014 mit dem Innovationspreis von der Deutschen Stiftung Querschnittlähmung geehrt. Die Auszeichnung, die bislang an besonders engagierte Menschen ging, wurde damals erstmals an eine Tourismusregion vergeben, für ihre außergewöhnlich intensiven Bemühungen um die Inklusion.

 

Doris Peyer kann das bestätigen: „Ich kann mich hier oben so gut umherbewegen wie sonst kaum irgendwo. Auch die Wege sind kurz, was sehr angenehm ist.“ Sie fährt inzwischen jedes Jahr ein bis zwei Wochen Ski in der Aletsch Arena, immer gemeinsam mit einem der Skilehrer aus Willy Kummers Team. „Bei Nebel oder Schneefall muss ich die manchmal erst überzeugen – dass ich bei jedem Wetter auf die Piste gehe, ist für einige erst mal erstaunlich.“ Was das Skifahren bei ihr noch bewirkt hat: Sie hat beschlossen, auch die Blockaden im Kopf zu überwinden, begann mit Meditation und leichten Yogaübungen. Heute lebt sie dadurch weitgehend medikamentenfrei und unterrichtet selbst Yoga. „Das macht auch uns Mut“, so Kummer. Doch Doris Peyer ist nicht die einzige Person mit Bewegungs-einschränkungen, die hier Neues lernt und andere inspiriert. „Es vergeht kaum eine Woche, wo wir niemanden mit Handicap da haben, und wir freuen uns immer wieder darüber, wie einfach alle zusammenarbeiten“, erzählt Willy Kummer. Er hatte vor vielen Jahren die Idee zu diesem besonderen Angebot, mit dem Ziel, allen Menschen ein Pistenerlebnis ermöglichen zu können. Und tatsächlich findet er für jeden Kunden die richtige Lösung. Mal ist es der speziell angefertigte Dual- oder Monoski, mal ist es das Langlaufen, mal der klassische Abfahrtski mit besonderer Unterstützung eines Skilehrers – oder auch eine Tour auf einem Airboard. „Es ist jedes Mal eine neue Herausforderung – weil niemand gleich ist und unterschiedliche Behinderungen auch unterschiedliche Mittel erfordern.“ Einige Skilehrer haben dafür eine spezielle Weiterbildung besucht, um technisch, sportlich und auch psychologisch gut mit den Gästen mit Handicap umgehen zu können. „Meist kommt es aber vor allem auf ein gutes Gespür an und den Willen, anderen zu einem schönen Erlebnis zu verhelfen und selbst daraus zu lernen“, so der Leiter der Skischule. Auch sehbehinderte und blinde, gelähmte und geistig behinderte Menschen können dank dieses Engagements hier zum Skifahren finden. „Und für uns ist es das Schönste, zu sehen, wie die Menschen dabei aufleben, unglaublich viel Spaß haben und eine Erfahrung machen, die sie kaum für möglich gehalten hätten.“