„Den Behindertensport stärker in der Gesellschaft verankern“

Montag, 18. Januar 2016
Kirsten Bruhn und Gerhard Janetzky in Arbeitsatmosphäre.

Kirsten Bruhn und Gerhard Janetzky in Arbeitsatmosphäre (Quelle „DBS“).

Kuratorium: Interview mit Vorsitzender Kirsten Bruhn und Stellvertreter Gerhard Janetzky

Frechen, 18. Januar 2016. „Unser Sport ist beeindruckend und attraktiv. Das müssen wir vermitteln“, sagt Kirsten Bruhn. Die dreifache Paralympics-Siegerin ist seit Sommer 2015 neue Vorsitzende des Kuratoriums des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS). Sie trat die Nachfolge der ehemaligen Bundesministerin Brigitte Zypries an, die sich viele Jahre erfolgreich für die Unterstützung des Behindertensports eingesetzt an. Stellvertreter von Kirsten Bruhn ist Gerhard Janetzky, der unter anderem als Präsident des Berliner Leichtathletik-Verbandes und als Inklusionsbeauftragter des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV) fungiert. Voller Tatendrang stürzt sich das Duo seitdem in die neue Aufgabe – und möchte auch im Jahr 2016 einiges bewegen und bewirken. Vor allem: Die Faszination des Behindertensports besser präsentieren und ihn stärker in der Gesellschaft verankern.

 

Sie führen seit Sommer 2015 das Kuratorium des Deutschen Behindertensportverbands an. Sind Sie etwa noch nicht ausgelastet gewesen mit Ihren vielen Aufgaben und Posten?

Bruhn: Ich finde es wichtig, dass bei der Zusammensetzung eines solchen Gremiums auch ehemalige Athleten dabei sind. Bei mir sind die Emotionen und Erfahrungen noch ganz frisch, so dass der aktive Sport hoffentlich auch ein wenig davon profitiert. Als Athletin habe ich mich lange vor solchen Aufgaben versteckt. Jetzt möchte ich etwas zurückgeben und mich auf dieser Ebene engagieren.

Janetzky: Ich bin dem Behindertensport seit vielen Jahren verbunden und habe als Mitorganisator des Internationalen Stadionfestes (ISTAF) in Berlin versucht, auch Inklusionswettbewerbe ins Programm einzubauen. Beispielsweise ist die blinde Herrenstaffel schon gegen die Damenstaffel über 4x100 Meter gelaufen oder Sebastian Dietz hat sich ein Duell gegen Robert Harting mit dem Diskus geliefert unter speziellen Regeln. So etwas ist für mich gelebte Inklusion.

 

Darüber hinaus sind Sie Inklusionsbeauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands (DLV).

Janetzky: Durch diese Position und die neue Aufgabe im Kuratorium möchte ich versuchen, eine lebendige Brücke zu sein zwischen DBS und DLV sowie auch anderen Verbänden. Ich verfüge über viel Gremienerfahrung, Kirsten über die Erfahrung als aktive Sportlerin. Ich freue mich auf die Aufgabe. Wir werden uns gut ergänzen.

Bruhn: Durch die unterschiedlichen Hintergründe haben wir verschiedene Blickwinkel auf die Themen und ich bin mir sicher, dass wir gemeinsam etwas bewirken und bewegen können.

 

Was sind denn die Ziele?

Bruhn: Für mich ist es wichtig, dass der Sport und vor allem die Athletinnen und Athleten im Fokus stehen. Wir Funktionäre sollten dabei unterstützend zur Seite stehen, einen möglichst guten Rahmen schaffen und den Sport damit befruchten. Der Behindertensport soll gerne den Weg der zunehmenden Professionalität weiter beschreiten, darf dabei aber nicht seine Menschlichkeit und Authentizität verlieren. Denn das zeichnet unseren Sport doch aus und macht ihn so besonders und faszinierend.

Janetzky: In einem Kuratorium sind viele gesellschaftliche Schichten vereint, es setzt sich aus unterschiedlichen Handlungsträgern zusammen. Das müssen wir ausnutzen, um zahlreiche Ideen einzubringen, Anstöße für die Arbeit des Präsidiums zu geben und vor allem: das Thema Behindertensport noch stärker in der Gesellschaft zu verankern.

 

Wie kann das gelingen?

Janetzky: In der Zeit der Paralympics ist der Behindertensport eine große Marke, danach verliert er wieder an Aufmerksamkeit. Dem wollen wir weiter entgegenwirken und die Begeisterung für den Sport wecken. Schließlich werden nicht nur bei den Paralympics großartige Leistungen gezeigt. Dafür müssen wir Initiativen entwickeln. Wichtig wird es sein, sich bei Events mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zu vernetzen, beispielsweise kultureller Art oder mit anderen Sportarten. Ziel muss es sein, den Behindertensport noch mehr in die Gesellschaft zu integrieren.

Bruhn: Unser Sport ist attraktiv und beeindruckend. Das müssen wir vermitteln. Warum können nicht die sportspezifischen Welt- und Europameisterschaften oder auch die Deutschen Meisterschaften von Sportlern mit und ohne Behinderung parallel zur gleichen Zeit am gleichen Ort ausgetragen werden, wenn es logistisch möglich ist? Das wäre eine Plattform, auf der der Behindertensport so präsentiert werden könnte, wie er es aufgrund der Leistungen verdient.

Janetzky: Wir müssen neue Wege finden, um den Behindertensport noch besser zu vermarkten. Dazu benötigen wir den paralympischen Spitzensport und müssen ihn stärken. Denn unsere Stars und Helden sind doch die Vorbilder für den Breitensport. Wir brauchen solche Gesichter, um den Behindertensport gesellschaftlich interessant zu machen. Nur so gelingt es uns auch, neuen Nachwuchs zu finden und Talente hervorzubringen, die wir dringend benötigen.

 

Wie bewerten Sie die Entwicklung des Behindertensports allgemein?

Bruhn: Es geht stetig bergauf, auch in der medialen Berichterstattung, worüber wir uns sehr freuen. Die Richtung stimmt und es hat sich vieles verbessert. Doch es ist bei weitem noch nicht ausreichend. Es ist nach wie vor schade, dass international erfolgreiche Athleten, die hart trainieren und viel Zeit in ihren Sport investieren, finanziell nicht wirklich davon profitieren können. Das ist zwar auch in vielen weniger populären Sportarten bei den Nichtbehinderten der Fall. Allerdings bekommen wir bis auf wenige Ausnahmen noch nicht einmal Preisgelder bei Welt- und Europameisterschaften oder Weltcups. Wir haben also noch viel Arbeit vor uns.

Janetzky: Als Kuratorium wollen wir unseren Anteil daran leisten und ein aktives Gremium werden, das Ideen und Inhalte auf den Tisch bringt. Wir sind jedenfalls alle bereit, uns für den Behindertensport mit unseren jeweiligen Möglichkeiten einzusetzen.