Mein Chef ist behindert!

Firmenschild von gutefrage.net am Haupteingang (Foto: MyH)
gutefrage.net ist die größte Ratgeberplattform Deutschlands (Foto: MyH)

Dass Menschen mit Behinderung ihren Wunschberuf ausüben, wird immer mehr zur Selbstverständlichkeit. Aber wie steht es eigentlich um Chefs mit Handicap?

Gegen neun Uhr morgens beginnt Fabian Spillners Arbeitstag bei der Ratgeberplattform gutefrage.net, einem der Kooperationspartner von MyHandicap. Wenn er ins Büro am Münchner Karlsplatz kommt, checkt er zuerst seine Mails ab und chattet mit seinen Kollegen, um sich auf den aktuellen Stand zu bringen.

Fabian Spillner, 27, ist hörgeschädigt. In einer gehörlosen Familie wuchs er mit der Gebärdensprache auf und besuchte Gehörlosenschulen. Nach der Mittleren Reife machte er seine große Leidenschaft - das Programmieren - zum Beruf und schloss beim Staatlichen Bauamt in München eine Ausbildung zum Fachinformatiker ab. Und wurde dort eingestellt, unbefristet.

Berufliche Herausforderungen gesucht!

Doch der öffentliche Dienst forderte ihn kaum, zudem fühlte er sich unterbezahlt. Etwa drei Jahre später, 2007, suchte er dann nach einer neuen beruflichen Herausforderung und fand sie bei gutefrage.net. Er wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen und nahm für die Kommunikation seinen Laptop mit - ein guter Dolmetscher war kurzfristig nicht aufzufinden. 

Ulrich Nitsche, Leiter der IT-Abteilung bei gutefrage.net und Spillners heutiger Vorgesetzter, kann sich noch gut daran erinnern, wie sie sich bei seiner Einstellung schwer getan hatten. „Die IT-Abteilung umfasste damals drei Mitarbeiter und es lief sehr, sehr viel über mündliche Kommunikation. Deshalb fiel die Entscheidung, den hörbehinderten Bewerber einzustellen, nicht leicht.“

Fachlich konnte Spillner jedoch sofort überzeugen. „Auch bei der Vorbereitung auf das Bewerbungsverfahren war sein Engagement dem anderer Bewerber deutlich überlegen“, so Nitsche. Spillner bekam den Zuschlag, schmiss seinen alten Job und fing zum 1. Januar 2008 bei gutefrage.net als "Junior Web-Entwickler" an.

Porträt Fabian Spillner (Foto: MyH)
Fabian Spillner schmiss seinen alten Job und stieg als Junior Web-Entwickler bei gutefrage.net ein (Foto: MyH)

Spillner besteht auf schriftliche Kommunikation

Dort fühlte sich Spillner sofort wohl. "Die Kollegen sind einem hier näher, sogar die Chefs." Im neuen Job hatte er das Gefühl, nicht primär als behinderter Mensch wahrgenommen zu werden, sondern an Hand seiner Leistung beurteilt zu werden. Die Intgetration im neuen Unternehmen lief gut, auch weil Spillner dafür einiges tat.

Direkt zum Anfang spielte er mit offenen Karten: "Ich sagte klar und deutlich, welche Schwächen ich habe." Zum Beispiel hat er aufgrund seiner Hörschädigung leichte Probleme mit seinem Schriftdeutsch, da die Gebärdensprache seine Muttersprache ist. Trotzdem bestand er auf die schriftliche Kommunikation in jeglicher Situation - das war ihm viel sicherer und lieber als das mühsame Lippenablesen. "So konnte ich hier meine Deutschkompetenz durch die schriftliche Kommunikation nebenbei ausbauen."

IT-Branche offener für alternative Kommunikationswege

Seine Kollegen akzeptierten seinen Wunsch sofort - offensichtlich begünstigt durch die Rahmenbedingungen des IT-Berufsfeldes. „Das Arbeiten in der Internetbranche erleichtert unsere Kommunikation enorm“, sagt Guillaume Dufloux, einer der Kollegen von Spillner.

Mit diesem Satz meint Dufloux, dass Leute, die in der IT-Branche tätig sind, von vornherein offener für alternative (technische) Kommunikationswege seien. So kommuniziert Spillner bei gutefrage.net hauptsächlich über Chat und E-Mails. Nicht selten setzt er sich mit seinem Gesprächspartner an einen Rechner und der Dialog wird abwechselnd eingetippt.

Dufloux ist Web-Entwickler und arbeitet schon seit zwei Jahren mit Spillner zusammen. Er beherrscht bereits das Fingeralphabet sowie ein paar Gebärden – „for simple conversation“, wie er sagt, für einfache, kurze Dialoge, bei denen man nicht unbedingt tippen müsse.

Anfängliche Schwierigkeiten legen sich bald

Bemerkenswert scheint auch die Zusammenarbeit zwischen Spillner und seinem Kollegen Frank Talk. Talk ist ebenfalls Web-Entwickler und erst seit wenigen Monaten dabei. Am Anfang gestaltete sich die Kennenlernphase schwierig, aber als er begann, mit Spillner an einem Projekt zusammenzuarbeiten, habe sich die anfängliche Distanz sehr schnell gelegt, so Talk.

"Herr Spillner ist ein sehr talentierter Programmierer und Projektleiter, der umfassendes Wissen weit über sein Aufgabengebiet hinaus besitzt", weiß Talk ihn zu loben. "Er wird von allen Kollegen der Abteilung oft um Rat und Hilfe gebeten", erzählt Talk und muss daher manchmal selbst warten, bis auch er eine Antwort bekommt.

Fabian Spillner im "Gespräch" mit einem Projektmitarbeiter (Foto: MyH)
Mit seinen Kollegen kommuniziert Spillner fast ausschließlich auf schriftlichem Wege (Foto: MyH)

Anderes Bild durch Zusammenarbeit

So hat sich inzwischen Talks Bild von Menschen mit Behinderung grundlegend geändert: „Ich habe davor bei behinderten Menschen immer an schwere Behinderungen gedacht, die dann ein Pflegefall sind, zum Beispiel bei einem Down-Syndrom. Je länger ich allerdings mit Herrn Spillner zusammenarbeite, desto mehr lerne ich über die Situation von behinderten Menschen in unserer Gesellschaft kennen.“

Aus diesem Grund hat Talk sich entschieden, demnächst zusammen mit ein paar Kollegen einen Gebärdensprachkurs an der VHS zu besuchen. Damit der persönliche Kontakt weiter vertieft werden kann.

Fabian Spillners Rat wird hochgeschätzt

Die Anerkennung und den Respekt der Mitarbeiter gegenüber ihrem Chef Spillner sind durchwegs spürbar. Und auch Spillers Chef ist von der Arbeit seines Teamleiters begeistert: "Herr Spillner sticht immer noch hervor durch hervorragende Arbeit. Und sein Einsatz für die Firma ist vorbildlich", so Nitsche. Er belohnt ihn mit immer mehr Verantwortung. Bis Spillner Frühjahr 2010 die Leitung der Frontend-Abteilung aufgetragen bekommt.

Heute ist er verantwortlich für vier feste Mitarbeiter und einen weiteren freien. Er delegiert Programmieraufgaben an diese weiter, überprüft sie später im so genannten "Code Review", gibt dazu Feedback, führt Mitarbeiterworkshops mit einem Dolmetscher durch und spricht sich in Meetings mit den Projektmitarbeitern und den Vorgesetzten ab.

Kurzfristig finden sich kaum Dolmetscher

Zweimal die Woche kommt ein Gebärdensprachdolmetscher und übersetzt bei den Meetings, bei denen die gesamte Belegschaft anwesend ist. Aber so dynamisch wie die IT-Branche ist, gehören kurzfristig anberaumte Meetings an der Tagesordnung. "Da ist es einfach unmöglich, bei dem Dolmetschermangel schnell mal einen qualifizierten zu finden, der sich auch noch halbwegs in der Materie auskennt", sagt Spillner.

Daher tippt oft einer der Kollegen freiwillig das Gesprochene auf ein Laptop, damit Spillner an den spontanen Meetings teilnehmen kann. "Von ihnen ziehe ich meinen Hut! Ein Einsatz nur wegen mir ist nicht selbstverständlich", sagt Spillner. Aber er zeigt sich nicht ganz zufrieden mit dieser Lösung, da das Übersetzen immer ein Stück zeitversetzt ist und nicht alles 1:1 abgetippt wird.

Fabian Spillner mit Ulrich Nitsche vor dem Rechner (Foto: MyH)
Für Nitsche, Spillners Vorgesetzter, ist die Hörbehinderung Nebensache (Foto: MyH)

Mögliche Lösung: Arbeitsassistenz?

Deshalb denkt er derzeit über die Möglichkeit einer Arbeitsassistenz nach, die dann täglich zu festen Zeiten kommt und die Meetings eventuell danach gerichtet werden könnten.

„Heute gehen“, schätzt Spillner, „etwa 60-80% seiner Arbeitszeit für die Kommunikation drauf - ein beachtlicher Wert bei einem hörbehinderten Menschen. „Ich habe mich aber bewusst für meine neue Position entschieden. Ich wollte sehen, ob das funktioniert und bisher habe ich es nicht bereut, der Job macht mir ebenfalls viel Spaß".

Gewinn aus der Behinderung ziehen

Einige Kollegen und Mitarbeiter haben mittlerweile sogar das Gefühl, durch den Umgang mit Spillners Hörbehinderung zu profitieren. „Durch die Zusammenarbeit mit ihm lernte ich sehr viel über die Bedeutung von visuellen Darstellungsmöglichkeiten“, sagt Dufloux. Und die elektronische Kommunikation habe den Vorteil, dass man mehr Zeit habe, über die Dinge nachzudenken, findet Talk: „Das tut der Kommunikation gut“.

Auch Nitsche sieht in der Hörschädigung keinen Nachteil: „Wir hier in der IT sind ein recht buntes Team mit Mitarbeitern aus aller Herren Länder und im Grunde spricht Herr Spillner lediglich eine andere Sprache“ - so wie sein französischer Kollege Dufloux hauptsächlich in Englisch kommuniziert.

Kommunikativ sein und eigene Schwächen formulieren

„Natürlich ist entscheidend, dass man die notwendige Leistung einbringt. Zumindest in der Anfangsphase müssen behinderte Menschen nun mal ein wenig mehr leisten als nichtbehinderte, um einen Ausgleich zum Defizit zu schaffen“,erklärt Spillner seinen Erfolg.

Weiter müsse man – speziell als gehörloser Mensch – ständig kommunikativ sein: „Viel reden, nachfragen, sich an Diskussionen beteiligen“. So zeigt man Präsenz. Und man brauche "Mut, um die eigenen Schwächen darzustellen und Offenheit, um deutlich zu sagen, welche Lösungen man braucht."

Das zeigt sich bei gutefrage.net. Auch wenn dort grundsätzlich nicht nach körperlichen, sondern nach fachlichen und menschlichen Kriterien eingestellt werde, erklärt Nitsche, „sind wir dank Herrn Spillner da jetzt noch offener als zuvor“. Herr Spillner zu engagieren, war „die richtige Entscheidung“, weiß er jetzt.


Text: TMI - 09/2010

Fotos: MyHandicap

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