Anleitung zur falschen Bewerbungsstrategie

Ein Blatt Papier auf dem „Abgelehnt“ zu lesen ist (Pauline/pixelio.de)
Überzeugen Sie mit positiver Aggressivität und schalten Sie den Mitleidsfaktor aus, damit das Ablehnungsschreiben nicht an Sie adressiert wird (Pauline/pixelio.de)

Menschen mit Behinderung sind im Bewerbungsverlauf keine Exoten. Sie müssen überzeugen. Mit Wissen, Sympathie und Positivismus.

Matthias M. ist Sozialpädagoge. Nach seiner kaufmännischen Schulausbildung hat er sich zu einer Ausbildung zum Sozialpädagogen entschieden. Der 27-jährige Mann hat eine Cerebralparese und sitzt im Rollstuhl. Seine Ausbildung zum Sozialpädagogen hat er vor zwei Jahren abgeschlossen. Seitdem ist Matthias M. auf Jobsuche. „Mehr oder weniger intensiv“, wie er selbst sagt.

Matthias M. hat bereits zwei Praktika in betreuten Wohneinrichtungen absolviert. „Daraus hat sich aber leider nie eine Anstellung ergeben“, sagt der junge Mann etwas verzweifelt.

Richtige Stellenauswahl – Voraussetzung für den Erfolg

Mattias M. hat selbst in einer betreuten Wohneinrichtung gelebt, bevor er vor drei Jahren mit seiner heutigen Frau in eine eigene Wohnung gezogen ist. „Ich kenne das System, die Bedürfnisse von Menschen mit Handicap“, sagt Matthias M. und fragt sich, warum er aufgrund dieses großen Wissens keinen Job als Sozialpädagoge in einer betreuten Wohneinrichtung findet.

Michael Graus, Koordinator für die berufliche Integration von Menschen mit Behinderung beim bfz Augsburg weiß die Antwort: „Man sollte sich nur dort bewerben, wo die Einschränkung nicht von überragender Bedeutung ist.“

Matthias M. verfügt zwar über ein großes theoretisches und sicher auch praktisches Wissen über betreute Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung. Aufgrund seines eigenen Handicaps kann er die Kollegen bei den alltäglichen Arbeiten allerdings nicht vollwertig unterstützen.

Um sich erfolgreich für einen Arbeitsplatz zu bewerben, muss Matthias M. seinen Fokus bei der Jobsuche auf Stellen lenken, bei denen sein Handicap keine Relevanz hat und er sein besonderes Wissen trotzdem ausspielen kann.

Ein Puzzle, bei dem ein Teil fehlt.
Überzeugen Sie Ihren zukünftigen Arbeitgeber, dass genau Sie das richtige fehlende Puzzlestück für den Betrieb sind (Rainer Sturm/pixelio.de)

Gretchenfrage: Behinderung erwähnen – ja oder nein?

Konstanze A. möchte sich auf eine Stelle als Verwaltungskraft bewerben. Sie hat eine Hörbeeinträchtigung, kann aber mit ihren Hörgeräten Telefonate und Konversationen führen. Die 41-Jährige will nach der Geburt ihrer zwei Kinder wieder ins Berufsleben einsteigen. Sie hat sich eine längere Auszeit gegönnt und möchte jetzt als Teilzeitkraft ins Berufsleben einsteigen. Berufserfahrung bringt sie mit und auch eine solide Ausbildung. Außerdem hat sich Konstanze A. während ihrer Auszeit mit Fortbildungen auf dem aktuellen Stand in Sachen Computeranwendung gehalten. Konstanze A. ist allerdings unschlüssig, ob sie ihre Behinderung im Bewerbungsschreiben oder beim Vorstellungsgespräch ansprechen soll oder nicht.

„Diese Frage ist nicht pauschal zu beantworten“, sagt Michael Graus. „Je offensichtlicher eine Behinderung ist, umso eher sollte man sie in eine schriftliche Bewerbung mit aufnehmen“, rät Michael Graus. Konstanze A. kann ihre Behinderung im Bewerbungsschreiben aussparen. Allerdings rät Michael Graus dazu, Handicaps beim Vorstellungsgespräch darzulegen. „Am besten ist es, die Behinderung in einer ruhigen Phase des Bewerbungsgesprächs anzusprechen. Wichtig dabei ist, dass man das Handicap nicht einfach auf den Tisch legt. Man soll sein Handicap so darstellen, dass der Arbeitgeber auch etwas damit anfangen kann“, sagt Graus.

Michael Graus rät davon ab, eine Behinderung zu verschweigen. Auch wenn sie für den aktuellen Job nicht relevant ist. „Man weiß nicht, womit man es zu tun bekommt. Ein Jobprofil verändert sich im Laufe der Jahre. Es kann zu Versetzungen kommen“, sagt Graus. Rechtlich muss man eine Behinderung nur dann angeben, wenn sie für eine Tätigkeit von Bedeutung ist. Zum Schutz für sich selbst und zur Absicherung gegenüber dem Arbeitgeber, sollte man dies fairerweise aber jedem Fall tun.

Eventuell baut sich sonst im Laufe der Zeit ein Lügengebäude aus, das schließlich wie ein Kartenhaus zusammenstürzt. „Auf eine kleine Notlüge folgt die nächste. Der Arbeitgeber muss detektivische Fähigkeiten entwickeln und die Spekulationen galoppieren dahin“, sagt Graus. All dem kann man entgegenwirken, wenn man sein Handicap angemessen darlegt und dem Arbeitgeber glaubhaft vermittelt, dass man trotz seiner Beeinträchtigung vollschichtig für diese Stelle einsetzbar ist.

Ein Faden auf dem das Wort „Vertrag“ hängt.
Kehren Sie Ihre scheinbaren Nachteile in Vorteile um und ziehen Sie Ihren Arbeitsvertrag an Land (Rainer Sturm/pixelio.de)

Mitleidsfaktor ade – Jobchancen juchhe

Franziska E. hat sich auf eine Stelle im öffentlichen Dienst beworben. In der Bewerbung steht, dass Menschen mit Schwerbehinderung bei gleicher Qualifikation bevorzugt behandelt werden. Die 21-jährige, die seit einem Autounfall als Kind im Rollstuhl sitzt, hat soeben ihre Ausbildung zur Bürokraft abgeschlossen. Die junge Frau ist sich sicher, dass sie den Job bekommen wird. Sie rechnet nicht damit, dass sich in ihrer kleinen Heimatstadt viele Menschen mit Handicap für diese Stelle interessieren. In ihrer Bewerbung erwähnt sie ihre Behinderung gleich mehrmals. Tatsächlich wird sie auch zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.

Franziska E. erzählt ausführlich von ihrer Behinderung. Sie legt deutlich dar, was sie alles nicht kann, wo sie geschont werden muss, welche Umrüstungsmaßnahmen für sie vorgenommen werden müssen und welche finanziellen Vorteile sie als Mensch mit Behinderung bringt. Fransiska E. bekommt den Job nicht. Was ist falsch gelaufen?

So einiges. „Kein Mensch mit Behinderung wird eingestellt, weil er finanzielle Vorteile bringt“, stellt Michael Graus fest: „Menschen mit Behinderung sind erstmal – aus Sicht des Arbeitsgebers - nachteilig. Sie bekommen Sonderurlaube und haben einen besonderen Kündigungsschutz.“ Wenn es dem Bewerber gelingt, den Arbeitgeber von seinen Qualitäten zu überzeugen und die scheinbaren Nachteile als Vorteile darzustellen, dann hat er Chancen, den Posten auch zu bekommen. „Positive Aggressivität ist gefragt! Ein Arbeitgeber stellt nur jemanden ein, von dem er das Optimum an Leistungsfähigkeit erhält“, sagt Graus.

Durchsetzen mit Fähigkeiten und Positivismus

„Das Entscheidende muss im Kopf des Bewerbers passieren“, weiß Michael Graus:
„Man muss mit seinem Wissen, mit seiner Sympathie und seiner Toughheit überzeugen. Man muss in gewisser Form Positivist sein!“

Und wenn es schon mit dem Bewerbungsschreiben so überhaupt nicht klappen will? Wenn jeder Bewerbungsbrief maximal mit einer Absage beantwortet wird? „Dann funktioniert das Selbst-Marketingkonzept nicht!“, weiß Graus. Der Koordinator für die berufliche Integration von Menschen mit Behinderung empfiehlt, die Bewerbungsunterlagen mit einer kompetenten Person zu überarbeiten. Einzelfallberatungen, zum Beispiel beim bfz kosten um die 150 Euro aufwärts und können oft Wunder wirken.

Steigern Sie Ihren Marktwert! Verbessern Sie Ihr Marketingkonzept und werden Sie zum Positivisten! Sie bewerben sich in Konkurrenz mit allen anderen. Diese mögen fitter sein oder jünger, aber Sie haben Ihre Vorteile! Überzeugen Sie Ihren zukünftigen Arbeitgeber davon!

Text: MHA – 8/2010

Fotos: pixelio.de

Sie haben noch Fragen? Stellen Sie diese gleich hier im Forum!