Der gehörlose Mitarbeiter: Tipps für Chefs und Kollegen

Ausschnitt einer gebärdenden Person hinter einem Ordnerschrank (Bild: MyHandicap)
Gebärden und einfache Zeichen können bei der Verständigung mit gehörlosen Kollegen helfen. (Bild: MyHandicap)

Behinderte Menschen sind leistungsfähige und vor allem loyale Mitarbeiter. Wenn in Ihrer Firma also die Entscheidung auf einen gehörlosen Kollegen gefallen ist: Glückwunsch! Viele hörende Menschen sind jedoch unsicher im Umgang. Für den Start sollten Sie daher unsere Tipps lesen.

Ihr Unternehmen hat soeben einen neuen Mitarbeiter eingestellt und als sich dieser Ihnen am ersten Arbeitstag vorstellen möchte, erstarren Sie sogleich: Seine Aussprache ist unverständlich und er fuchtelt mit seinen Händen wild herum.

Was ist los? Erleben Sie gerade eine feindliche Übernahme Ihrer Firma durch Außerirdische? Nein, keine Sorge! Ihr neuer Kollege ist bloß gehörlos. Und mit unseren Tipps werden Sie sicherlich auch bald mit ihm klarkommen. Es lohnt sich auf jeden Fall, denn (hör)behinderte Menschen gelten als treue Mitarbeiter.

Nichthören ist (leider) oft nichtkommunizieren

Eine Hörbehinderung ist in erster Linie eine Kommunikationsbehinderung. Sprachliche Verständigung sowie Informationsvermittlung erfolgen nach wie vor zu einem Großteil über den akustischen Weg. Und so wird der Mensch mit Hörbehinderung oft ausgeschlossen – wenn nicht Hilfen in Anspruch genommen werden.

Für berufliche Gespräche können gehörlose Arbeitnehmer Gebärdensprachdolmetscher, Arbeitsassistenten oder Telefonvermittlungen in Anspruch nehmen. Des Weiteren werden im Job immer mehr schriftliche Kommunikationsmittel wie E-Mail oder Chatprogramme genutzt, was hörbehinderten Menschen zu Gute kommt.

Im Beruf kommt dem Zwischenmenschlichen jedoch eine nicht unbeträchtliche Bedeutung zu und der direkte Umgang mit gehörlosen Kollegen will gelernt sein. Denn aufgrund der unterschiedlichen Sprachen, des Hördefizits und der eigenständigen Gehörlosenkultur sollten hörende Chefs und Kollegen über einige Dinge Bescheid wissen.

Ablesen ist schwer: Butter statt Mutter

Erst mal die Basics zur Kommunikation mit gehörlosen Menschen: Sorgen Sie für ausreichend Beleuchtung und einen angemessenen Abstand zu Ihrem Gesprächspartner – zwischen etwa einem und zwei Metern wäre in einem angemessenen Rahmen. Sehen Sie ihn beim Gespräch an und bewegen Sie Ihren Kopf nicht allzu oft hin und her, denn Ihr Gegenüber muss ja von Ihren Lippen ablesen. Wussten Sie eigentlich, dass nur etwa ein Drittel des lateinischen Alphabets eindeutig abgelesen werden kann und der Rest kombiniert werden muss?

Sprechen Sie daher langsam, deutlich und möglichst dialektfrei (normale Lautstärke reicht vollkommen). Legen Sie öfters Pausen ein und stellen Sie Rückfragen. Wiederholen Sie Nichtverstandenes, wenn nötig, mehrfach. Versuchen Sie ansonsten Synonyme zu verwenden oder tippen bzw. schreiben Sie es notfalls auf. Letzteres gilt vor allem für Namen und fremdsprachige oder spezifische Begriffe.

Nahaufnahme eines Vollbarts in Schwarzweiß (Bild: Ute Pelz/pixelio.de)
Ein Bart kann die Sicht auf die Lippen verdecken. Ihn zu stutzen könnte hilfreich sein. (Bild: Ute Pelz/pixelio.de)

Schriftlich kommunizieren hilft enorm

Oft hilft es auch, zu Beginn kurz das Gesprächsthema zu erwähnen oder Ihren Gesprächspartner zu bitten, Ihr Gesagtes zu wiederholen. Vor allem in der ersten Zeit kann dies mühsam und zeitraubend sein. Aber das wird in der Regel mit der Zeit besser, der gehörlose Kollege gewöhnt sich an Sie bzw. Ihr Mundbild und Sie werden immer vertrauter im Umgang mit ihm.

Für wichtige Gespräche oder Anweisungen kann es sinnvoll sein, diese schriftlich festzuhalten, indem Sie auf ein Papier schreiben oder indem das Gespräch gleich über E-Mail oder Chat gehalten wird. Das hat zudem den Vorteil, dass der Dialog dadurch auch dokumentiert wird – zum Nachlesen. Zudem können visuelle Elemente die Kommunikation unterstützen, etwa mit Gesten, Bildern oder Zeichnungen.

Tipps bei gehörlosen Mitarbeitern

Wenn Sie Ihren neuen Kollegen in eine Aufgabe einweisen möchten, vermeiden Sie es, ihm diese verbal zu erklären, während Sie die Tätigkeit vormachen. Er kann ja schlecht gleichzeitig auf die Handlung sowie auf Ihre Lippen schauen. Besser wäre es, wenn Sie ihm die Aufgabe Schritt für Schritt – je nach Komplexität abwechselnd oder alles in einem Durchlauf – zeigen und erklären. Anschließend lassen Sie ihn die gezeigte Aufgabe wiederholen und kommentieren Sie das Ergebnis, bestenfalls mit einem „Daumen hoch“.

Arbeitet der gehörlose Kollege in einem Büro, empfiehlt es sich, seinen Arbeitsplatz so zu gestalten, dass er kommende Kollegen im Blickfeld hat und nicht von hinten erschreckt werden muss. Hat er Sie trotzdem nicht bemerkt, reicht ein normales Winken, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Andere Möglichkeiten sind das Tippen auf die Schulter sowie das An- und Ausschalten des Lichts.

Schulungen für hörende Kollegen

Außerdem gibt es sogenannte Kollegenseminare, in denen hörende Mitarbeiter, die besonders oft mit gehörlosen Menschen zusammenarbeiten, im Umgang mit diesen geschult werden. Die Kosten werden vom Integrationsamt übernommen. Mehr Informationen zu den Seminaren finden Sie hier.

Falls Ihr Kollege die Gebärdensprache beherrscht: Zögern Sie nicht, ihn nach dem Fingeralphabet oder nach Gebärden für einfache Konversationen zu fragen, wie zum Beispiel für „Guten Morgen“, „Tschüss“ oder „Danke“. Bei Interesse können Sie Ihre Kenntnisse nach und nach ausbauen und dadurch verbessert sich auch Ihre Kommunikation mit gehörlosen Menschen. Und wenn Sie unsicher sind: Fragen Sie Ihren Kollegen direkt, wie er die eine oder andere Situation am liebsten handhaben würde.

Sie haben weitere Fragen oder sind an einer Beratung zum Thema interessiert? Schreiben Sie uns eine E-Mail.

 

Text: Thomas Mitterhuber – 11/2013

Bilder: MyHandicap, pixelio.de

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