Gemeinsam unter uns - Kinder mit Handicap

- Bernd Voswickel ist Gründungsmitglied des Vereins "Helf behinderten Kindern". Der Verein ist seit 1998 aktiv. (Foto: Bernd Voswinkel)
Bernd Voswinkel ist Gründungsmitglied des Vereins „Helft behinderten Kindern“ in Düsseldorf.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten engagiert er sich für die Chancengleichheit von Kindern mit körperlicher und geistiger Einschränkung. Mit MyHandicap sprach er über betroffene Einzelkämpfer, den Spielplatz als Ort der Integration und die Freude am Leben mit Behinderung.
MyHandicap (MyH): Herr Voswinkel, mit dem Verein „Helft behinderten Kindern“ unterstützen Sie Kinder, die in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung beeinträchtigt sind. Wie kam es zu diesem Engagement?
Bernd Voswinkel (BV): Wir haben selbst einen Sohn, der mit einer Behinderung konfrontiert ist. Um seine Entwicklung bestmöglich zu fördern, haben wir über Jahre eng mit dem Kinderneurologischen Zentrum in Düsseldorf zusammengearbeitet. Professor Dr. Groß-Selbeck, der damalige Leiter des Instituts, hat uns in dieser Zeit deutlich gemacht, dass zwischen dem, was eine städtische Klinik an räumlichen und technischen Möglichkeiten bieten kann, und dem was zur optimalen Förderung von behinderten Kindern erforderlich ist, eine große Diskrepanz besteht. Um diese Lücke so gut wie möglich zu schließen, haben wir zunächst andere Betroffene – später auch Freunde – auf die Notwendigkeit aufmerksam gemacht, hier etwas zu tun.
20 Jahre voller Entwicklung
MyH: Wie genau wollten Sie die Versorgungssituation der Betroffenen verbessern?
BV: Wir haben 1998 den Verein „Helft behinderten Kindern“ gegründet. Unser vorrangiges Ziel war es, eine räumliche Erweiterung des Kinderneurologischen Zentrums in Düsseldorf zu finanzieren.
MyH: Dabei ist es nicht geblieben.
BV: Das ist richtig. In den vergangenen 20 Jahren haben wir zahlreiche Projekte im Großraum Düsseldorf verwirklichen können, die allesamt einer großen Anzahl von Betroffenen zugute kommen. Neben dem Erweiterungsbau des Kinderneurologischen Zentrums haben wir Kindertagesstätten und Behindertenfreizeiten gefördert, die technische Ausstattung von Jugendberufshilfe-Institutionen bezahlt und die Möglichkeit einer Reittherapie mit baulicher Ausstattung und der Finanzierung von Therapiepferden unterstützt.
MyH: Und Sie haben Spielplätze umgebaut, um Kindern mit Behinderung den Kontakt zu Gleichaltrigen ohne Handicap zu erleichtern.
BV: Das stimmt. Der Verein „Helft behinderten Kindern“ hat in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Düsseldorf sechs Spielplätze mit speziellen Geräten ergänzt, dass behinderte Kinder mit nicht-behinderten Kindern zusammen spielen können. Die Ausstattung dieser Spielplätze hat jeweils zwischen 40.000 und 60.000 Euro gekostet.
Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich
MyH: Rund 50 Mitglieder engagieren sich in Ihrem Verein. Sie leisten einen enorm wichtigen Beitrag zur Integration von Kindern mit Behinderung und sind auch den Angehörigen eine große Hilfe. Ihr Engagement ist gleichermaßen vorbildlich wie teuer. Wie wird Ihre Arbeit finanziert?
BV: Zunächst einmal muss man sagen, dass alle unsere Mitglieder vollkommen ehrenamtlich arbeiten. Dadurch können wir unsere Einnahmen zu einhundert Prozent für Projekte verwenden, die die Lebenssituation für Betroffene und deren Angehörigen verbessern. Damit wir unsere Arbeit dauerhaft fortführen können, sind wir aber natürlich auch auf Unterstützung angewiesen.
Seit seinem Bestehen hat der Verein rund zwei Millionen Euro Spenden erhalten – durchschnittlich 100.000 im Jahr. Wir sind dankbar, dass Firmen, Stiftungen aber auch Privatpersonen hinter uns stehen und unser Engagement für Kinder mit Handicap und deren Familien mittragen.
MyH: Ihre Arbeit stößt in der Bevölkerung auf große Zustimmung. Die Integration von Menschen mit Behinderung ist eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, deren Wert nicht nur von Politikern immer wieder betont wird. Haben Sie den Eindruck, dass dieses Ziel erreicht ist?
BV: Nein. Als betroffene Familie und Mitglied unseres Vereins kann ich unserer Gesellschaft hier kein gutes Zeugnis ausstellen. Trotz vieler technischer Verbesserungen, die den Zugang zu Gebäuden erleichtert haben, ist die wirkliche Integration von Menschen mit Behinderung in Deutschland noch wesentlich schlechter gelungen als in anderen Ländern.
Eltern müssen um Gleichberechtigung kämpfen
MyH: Waran machen Sie das fest, können Sie ein konkretes Beispiel geben?
BV: Auch heute müssen Eltern noch erheblich dafür kämpfen, dass ihre behinderten Kinder in Kindergärten und Schulen eine gleichberechtigte Aufnahme finden – ganz zu Schweigen vom späteren Zugang zum Arbeitsmarkt. Hier ist noch viel zu verbessern.
MyH: Welche Anstrengungen müssten Politik, Wirtschaft und Gesellschaft unternehmen, um Betroffenen ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben zu ermöglichen?
BV: Bei der Formulierung von Gesetzen und auch bei den technischen Anforderungen von Gebäuden brauchen wir keinen internationalen Vergleich zu scheuen. Was aber die tatsächliche Integration von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft angeht, ist noch sehr viel zu tun. Der Kampf für eine adäquate Ausbildung und die Möglichkeit, einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden, bleibt immer noch zu sehr an dem Einzelnen und seiner Familie hängen.
Die Politik und Gesellschaft verstecken sich zu sehr hinter öffentlichen Aufgaben, verabschieden Gesetze und fühlen sich nicht wirklich verantwortlich, den Betroffenen im Rahmen ihrer Möglichkeiten optimal zu helfen.
Betroffene bleiben Einzelkämpfer
MyH: Im Gegensatz zum Verein „Helft behinderten Kindern“. Sie unterstützen nicht nur Betroffene und deren Angehörige, sie fördern auch den Auf- und Ausbau der Botschafterorganisation Düsseldorf der gemeinnützigen Stiftung MyHandicap. Dadurch unterstützen sie ein Netzwerk, in dem Menschen, die selbst mit einer Behinderung konfrontiert sind, mit Neubetroffenen in Kontakt treten und ihnen helfen, mit der neuen Situation besser zurecht zu kommen.
BV: Wie gesagt, Betroffene bleiben trotz vieler technischer Hilfen, Therapiemöglichkeiten und Gesetze zu sehr Einzelkämpfer. Jeder muss sich, wenn er, beispielsweise durch einen Unfall, plötzlich mit einer schweren Erkrankung konfrontiert wird, seinen eigenen Weg mühsam erarbeiten. Da kann die Botschafterorganisation enorm hilfreich sein.
Die Botschafter wissen, wie sich der Neubetroffene fühlt, kennen die Ängste und können deshalb helfen, neue Perspektiven aufzuzeigen, Abkürzungen zu finden und sinnvolle von weniger sinnvollen Wegen zu unterscheiden. Über allem steht die Botschaft, dass ein behinderter Mensch durch seine Haltung zeigt, dass ein Leben mit Handicap nicht nur zu schaffen ist, sondern auch Freude machen und Erfolg bringen kann. Diese Perspektive, die die MyHandicap-Botschafter aufzeigen, gibt Betroffenen neuen Lebensmut.
Interview: Philipp Jauch
Foto: Bernd Voswinkel
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