Möbel für behinderte Menschen: So wird Ihr Zuhause barrierefrei

Ein Rollstuhlfahrer an einer Küchenzeile, er fährt mit einem Knopfdruch einen Oberschrank herunter
Herunterfahrbare Küchenschränke transportieren den Inhalt quasi auf Augenhöhe herunter. (Foto: Küchen Quelle)

Menschen, die aufgrund einer Behinderung, einer chronischen Erkrankung oder ihres Alters eingeschränkt mobil sind, haben besondere Bedürfnisse bezüglich ihrer eigenen vier Wände. Spezielle Möbel sorgen dafür, dass sie ihr Leben weitestgehend selbstständig führen können.

Vor allem gehbehinderte Menschen benötigen für ein möglichst selbstständiges Leben zuhause drei Dinge: Zum Einen haben insbesondere Rollstuhlfahrer einen Mehrbedarf an Wohnraum, zweitens sind bauliche Maßnahmen wie eine Rampe, eine Treppensteighilfe oder eine ebenerdige Dusche notwendig und zuletzt werden individuelle Möbel benötigt.

Denn handelsübliche Möbel, wie Sie sie aus Möbelhäusern wie Ikea & Co. kennen, sind in der Regel unflexibel und nicht für Menschen mit körperlichen Einschränkungen gemacht. Für behinderte Menschen, aber auch für Senioren ist deren Handling daher oft mühsam, wenn nicht sogar unmöglich.

Was nützt zum Beispiel einem Rollstuhlfahrer ein zwei Meter hoher Standard-Kleiderschrank, wenn er nicht an die oberen Fächer rankommt? Ein nicht unterfahrbares Spülbecken kann ebenfalls nur mit anstrengenden Verrenkungen genutzt werden. Und selbst das bloße Essen wird abenteuerlich, wenn die Esszimmertischplatte zu tief angelegt ist, so dass der Rollstuhl nicht darunter passt. Deshalb werden hier spezielle Möbel benötigt.

Behinderte Menschen benötigen barrierefreie Möbel

„Möbel für Menschen mit Behinderung müssen aber dem Konzept „Design für alle“ entsprechen, so dass sie von möglichst vielen Menschen genutzt werden können – egal, ob sie eine Beeinträchtigung haben oder nicht“, findet Frank Opper. Opper ist Architekt, Rollstuhlnutzer und MyHandicap-Fachexperte.

Von der Idee „Design für alle“ profitieren nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch Menschen, die über wenig Kraft und / oder einen geringeren Aktionsradius verfügen, zum Beispiel Kinder und alte Menschen.

Unter Möbel fällt für Opper eine Vielzahl an Einrichtungsgegenständen – von Sesseln über Nachttische bis hin zu Badezimmerschränken und es existieren dementsprechend viele Lösungen, die es für Menschen mit Behinderung gibt. „Die wichtigste Grundeinrichtung sind Möbel im Bad und in der Küche, das Bett sowie Verstauungsmöbel wie Schränke“, zählt Opper auf. „Und diese Möbel sollten den speziellen Bedürfnissen der Personen angepasst sein.“

Braillezeilen auf einer blauen Unterlage
Der sehbehinderte Mensch wischt mit seinem Finger über die Schrankablage und liest etwa "Pullover". (Andreas Dengs/pixelio.de)

Design für alle: Nutzbar für jeden Menschen

„Auf dem Markt haben sich einige Herstellerfirmen beziehungsweise Schreiner mit dem Thema auseinandergesetzt und stellen entsprechende Möbel für behinderte Menschen beziehungsweise Senioren her“, sagt Opper. „Dazu gehören auch die Rehabilitationsunternehmer, welche solche Produkte herstellen.“ Es sei aber manchmal nicht nötig, einen Experten für behindertengerechte Möbel aufzusuchen, findet Opper.

„Denn mit einer vernünftigen und individuellen Bedarfsgestaltung könnte jeder fachgerechte Schreiner oder Möbelbauer solche Möbel herstellen“, sagt der Architekt. „Viele Produkte, die auf dem freien Markt zu haben sind, sind auch für Menschen mit Behinderung geeignet, die unter Umständen nur geringfügig verändert werden müssen. Typische Beispiele hierfür sind Nachttische oder Esstische mit einer gewissen Beinfreiheit.“

Ein auf barrierefreie Möbel spezialisierter Hersteller etwa bietet „Küchen aus dem ganz normalen Sortiment, die mit speziellen Elementen ausgestattet werden“, wie auf dessen Webseite zu lesen ist.

Ertastbare Kennzeichnungen für sehbehinderte Menschen

Nicht nur Menschen mit Mobilitätseinschränkungen benötigen angepasste Möbel. Für blinde Menschen gibt es beispielsweise eingravierte oder aufgebrachte Kennzeichnungen in Brailleschrift auf einzelnen Zwischenbrettern eines Regals. Über diese taktil erfassbaren Informationen lässt sich mit einem schnellen Fingerstrich feststellen, was dort abgelegt worden ist.

Andere Möbelstücke bedürfen jedoch einer stärkeren Anpassung, vor allem bei Rollstuhlfahrern. Im Idealfall finden sich in der Küche beispielsweise unterfahrbare Arbeitsplatten, per Handgriff oder über eine Fernbedienung absenkbare Oberschränke und Schubladen, die sich mittels Teleskopschienen mit geringem Kraftaufwand komplett ausziehen lassen.

Zwei Waschbecken nebeneinander in einem Badezimmer, darüber ein breiter Wandspiegel
Waschbecken müssen für Rollstuhlnutzer unterfahrbar, Handtuchschränke in greifbare Höhe sein. (Rainer Sturm/pixelio.de)

Gewöhnliche Möbel anpassen und nutzbar machen

Waschbecken sollten ebenfalls unterfahrbar sein und die Badezimmerschränke in greifbarer Höhe montiert werden. Zudem ermöglichen etwa ausgeklügelte Kleiderschränke, wo sich die oberen Fächer per Knopfdruck auf Greifhöhe herabsenken lassen können, eine vollständige Nutzung des gesamten Stauraums.

Leben in einem Haushalt Rollstuhlfahrer und Fußgänger zusammen, kann beispielsweise ein höhenverstellbarer Bürotisch sinnvoll sein, der mit wenigen Handgriffen auf die gewünschte Arbeitshöhe verstellt werden kann. Bei vielen Modellen ist damit sogar ein Arbeiten im Stehen möglich.

Bei jedem erdenklichen Einrichtungsgegenstand können behindertengerechte Anpassungen vorgenommen werden, sobald ein Mensch mit Behinderung nicht mit den herkömmlichen Möbeln klarkommt. Der Technik sind hier meistens keinerlei Grenzen gesetzt, hinderlich ist dabei vielmehr die Finanzierungsfrage.

Wer Ihren behindertengerechten Schrank bezahlt

Möbel, die speziell für Menschen mit Behinderung gestaltet sind, sind meistens teurer als normale Möbel. Dafür gibt es jedoch finanzielle Abhilfe, weiß Opper: „Bei Sozialversicherungs- oder Haftpflichtträgern können solche Möbel als behinderungsbedingter Mehrbedarf geltend gemacht werden. Hier ist vorher zu prüfen, welcher Träger zuständig ist.“

Für Möbel im Arbeitsleben sind in der Regel die Agentur für Arbeit oder die Landschaftsverbände zuständig, so Opper. Im privaten Bereich sind dagegen Krankenkasse oder Pflegeversicherung, Unfallversicherung sowie die kommunalen Einrichtungen als Ansprechpartner maßgebend. Zur Klärung der Finanzierung kann die Online-Beratung des Vereins Barrierefrei leben e.V. weiterhelfen.


Text: Thomas Mitterhuber – 05/2012

Fotos: Küchen Quelle, pixelio.de

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