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Das deutsche Paralympics-Team

Für Deutschland werden in Vancouver insgesamt 20 Athletinnen und Athleten unterschiedlicher Behinderung antreten. Wie sind ihre Erfolgschancen? Lesen Sie dazu auch das Interview mit Martin Braxenthaler.

Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) dürfte erneut mit einer Top-Platzierung im Medaillenspiegel rechnen. Denn diesmal sind wieder Goldgaranten dabei. Auch in Sachen Nachwuchs braucht sich das paralympische Deutschland nicht zu scheuen. „Wir blicken voller Zuversicht nach Vancouver“, so Dr. Karl Quade, Chef de Mission.

Ski alpin fährt zu Gold?

Allein mit dem Einstockfahrer Gerd Schönfelder und dem Monoskifahrer Martin Braxenthaler kann das acht Köpfe große Skiteam alpin insgesamt 19 paralympisches Gold aufweisen. Andrea Rothfuss und Gerd Gradwohl, die beide bereits jeweils eine paralympische Medaille gewannen, wollen diesmal erneut Edelmetall nach Hause holen.

Bei den restlichen vier Athleten handelt es sich um Debütanten, darunter die 16jährige Anna Schaffelhuber. Das Skiteam alpin bestreitet derzeit das Weltcupfinale in Aspen (USA) erfolgreich. Direkt im Anschluss werden sie zu den Paralympics fliegen.

Die „glorreichen Sieben“ im Ski nordisch

„Es hat kaum Überraschungen gegeben“, kommentierte Bundestrainer Werner Nauber die Nominierungen. Neben den Neulingen Andrea Eskau (Schlitten) und Timo Uhlig (Einstockläufer) besteht das Skiteam nordisch aus Routiniern. Als Spitzenathletin startet die blinde Verena Bentele (7x paralympisches Gold) in insgesamt fünf Langlauf- und Biathlondisziplinen.

Der ebenfalls sehbehinderte Frank Höfle (14x Gold), erfolgreichster deutscher Sportler im Ski nordisch, ist diesmal wieder dabei. Allerdings gewann der 42jährige bei den letzten Paralympics 2006 in Turin nur eine Silbermedaille. Von den restlichen drei Teammitgliedern – Josef Giesen, Thomas Oelsner und Wilhelm Brem – ist durchaus die eine oder andere Medaille zu erwarten.

Rollstuhlcurler erstmals mit von der Partie

Über ihre erste Teilnahme an den Paralympics können sich die deutschen Rollstuhlcurler freuen. Bei der letzten WM gewannen sie überraschend Bronze. Teamkapitän Marcus Sieger ist zuversichtlich: „Wir gehören zu den besten Teams der Welt“. Allerdings werden es die Geheimfavoriten schwer haben: In der Gruppe A treten sie gegen starke Länder wie Kanada, Schweden und die Schweiz an.

Interview mit Martin Braxenthaler

Der siebenfache paralympische Goldmedaillengewinner Martin Braxenthaler ist Träger vieler Auszeichnungen – unter anderem des „Laureus World Sports Awards 2007" in der Kategorie „Sportler mit Handicap“. Braxenthaler ist seit einem Unfall querschnittgelähmt und startet mit seinem Monoski in der Disziplin „Sitzend“.

Beim Monoski - auch Skibob genannt - wird ein spezielles Skigerät verwendet. Eine Sitzschale ist auf einem breiteren Skibrett (daher der Name Monoski) fest montiert, in der der Skifahrer angeschnallt wird. Gesteuert wird mit zwei krückenähnlichen Armstöcken, an denen kleine Skier befestigt sind.

Vierte Teilnahme an den Paralympics

MyHandicap: Herr Braxenthaler, Sie werden an den X. Paralympics in Vancouver zum 4. Mal starten. Mit welchen Gefühlen fahren Sie zu den Winterspielen? Gibt es da Unterschiede zu internationalen Turnieren wie beispielsweise den Weltcup?

Martin Braxenthaler: Die Paralympics sind der größte sportliche Wettkampf, den man als Sportler mit Handicap erreichen kann. Die Spiele finden nur alle vier Jahre statt und es ist auch nicht selbstverständlich, dass man mehrmals daran teilnehmen kann oder darf. Aus diesem Grund ist es für mich immer etwas Besonders, dort starten zu dürfen. Aber aufgrund der Tatsache, dass ich schon mehrmals teilgenommen habe, bin ich auch nicht nervös, weil ich ja weiß, was mich im Großen und Ganzen erwartet.

MyH: Inwieweit haben sich die Paralympics für Sie seit Ihrer ersten Teilnahme 1998 in Nagano gewandelt?

MB: In allen Bereichen gab es Veränderungen. Die Spiele werden professioneller geplant und durchgeführt. In der Leistungsdichte der Athleten ist eine extreme Steigerung zu beobachten. Die Paralympics erfahren heute eine deutlich höhere Präsenz in den Medien und in der Gesellschaft. Dadurch werden die Leistungen der Sportler auch stärker anerkannt.

Behinderte Sportler sind heute deutlich präsenter

MyH: Sie sprechen von einer zunehmenden Professionalität im Behindertensport. Weiter steht der Leistungsgedanke immer stärker im Vordergrund. Leidet darunter das typische Gemeinschaftsgefühl der behinderten Menschen?

MB: Durchaus. Das ist eine normale Entwicklung, die das Ganze mitbringt. Ich für meinen Fall kann sagen, dass ich sehr gute Kontakte oder ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Konkurrenten aus dem eigenen Team, aber auch aus den anderen Mannschaften habe. Aber auf der Rennstrecke gibt es eben keine Freundschaft.

MyH: Welche sportlichen Ziele nehmen Sie nach Vancouver mit?

MB: Mein sportliches Ziel ist ein Medaillengewinn, die Farbe wäre mir fürs Erste egal.

MyH: Die Medaillenfarbe ist dem siebenfachen Goldmedaillen-gewinner Braxenthaler egal?

MB: Es war noch nie leicht in der Vergangenheit, bei den Paralympics eine Medaille zu gewinnen. Aber es wird noch nie so schwer werden wie 2010 in Vancouver. Darum ist es mir wichtig, einmal auf dem Treppchen zu stehen und an einer Siegerehrung teilzunehmen. Sollte sich dann im Laufe des Ganzen mehr ergeben, beispielsweise mehrere Medaillen oder eine Goldmedaille, dann wäre das für mich natürlich umso erfreulicher. Generell bin ich aber ein Mensch, der versucht, sich erreichbare Ziele zu setzen.

Ein Sportler mit realistischen Zielen

MyH: Sie haben also mehr Konkurrenz?

MB: Ja, es gibt mehr Konkurrenz und stärkere Konkurrenz und da ich mir bewusst bin, in der Vergangenheit auch sehr viel Glück gehabt zu haben, bin ich mir genauso bewusst, dass es mal nicht so gut laufen kann.

MyH: Sie haben bislang acht Mal paralympisches Edelmetall gewonnen – und haben schon dadurch eine Vorbildfunktion inne. Was an Tipps geben Sie Ihrer 16jährigen Kollegin Anna Schaffelhuber für die Spiele mit?

MB: Ich habe mit ihr erst kürzlich darüber gesprochen, über den Leistungsport, über den Weltcup und auch über die Paralympics. Und ich habe versucht, ihr zu vermitteln, dass sie in ihrer jungen Sportlerkarriere mit der Nominierung für Vancouver bereits einen Riesenerfolg erreicht hat. Und dass sie sich auf das Skifahren konzentrieren soll. Falls doch ein größerer Erfolg möglich sein sollte, dann wäre es natürlich umso toller, aber das wichtigste ist es, sich über die Nominierung zu freuen und die Spiele zu genießen.

Vor den Paralympics erstmal noch den Weltcup

MyH: Wie bereiteten Sie sich in den letzten Wochen auf die Wettkämpfe vor?

MB: Wir hatten gerade das Europacupfinale in Italien mit vier Rennen. Wir hatten in Bischofswiesen am Bundesleistungszentrum Skialpin mit der Nationalmannschaft noch mal drei Tage lang trainiert. Ich war einige Tage ganz locker beim Freiskifahren. Nebenher versuche ich, meine Skigeräte noch mal zu prüfen und auf optimalen Standard zu bringen.

Und momentan packe ich meine Taschen - denn ich reise am 26.2. nach Espen Colorado. Dort wird das Weltcupfinale stattfinden, bevor wir dann am 6.3. nach Vancouver beziehungsweise zum Whistler Mountain zu den Paralympics fliegen.

MyH: Sie haben Ihre Behinderung seit einem Unfall. Hat sich durch den Sport Ihr Umgang mit Ihrer Behinderung verändert?

MB: Nach meinem Unfall konnte ich eine sehr umfangreiche Rehabilitation in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau genießen. Dort lernte ich, über den Breitensport mit meinem Körper, mit der neuen Situation umzugehen. Ich halte es für extrem wichtig, regelmäßig Sport zu treiben um ein Gleichgewicht zwischen Körper und Geist zu fördern und somit ein allgemeines Wohlbefinden zu schaffen.

Bereits vor dem Unfall viel Sport getrieben

MyH: Nur ein Jahr nach Ihrem Unfall fingen Sie mit dem Monoskifahren an und weitere drei Jahre später sind Sie im A-Kader der Nationalmannschaft. Wie haben Sie das geschafft?

MB: Vor meinem Unfall war ich bereits ein guter Freizeitsportler, also überdurchschnittlich gut trainiert. Und in meinen ersten Versuchen des Monoskifahrens war schnell zu erkennen, dass ich ein sehr großes Talent habe.

MyH: Wollen Sie bei den Winter-Paralympics 2014 in Sotchi wieder starten?

MB: Ich plane momentan in meiner Karriere immer nur Jahr für Jahr. Nach Vancouver muss man die vergangene Saison analysieren und dann muss man sich neue Ziele setzen. Aber ich könnte mir vorstellen das Vancouver meine letzten Paralympics als aktiver Leistungssportler sein werden.

Wahrscheinlich die letzten Paralympics

MyH: Bleiben Sie dem Behindertensport dann weiterhin treu – als Trainer oder als Funktionär?

MB: Momentan gibt es keine konkreten Planungen, aber ich habe vergangenes Jahr eine Lehrwartausbildung für den alpinen Skisport der Körperbehinderten erfolgreich abgeschlossen und werde dieses Jahr im April eine Trainerausbildung absolvieren.

MyH: Letzte Frage: Dürfen unsere Leser mit Gold von Ihnen rechnen? :)

MB: *lacht* Man wird nach den Paralympics sehen, ob es zu Gold gereicht hat. Es wäre schön, wenn es so wäre.

MyH: Herr Braxenthaler, herzlichen Dank für das Interview und viel Erfolg in Vancouver!


Text: TMI

 

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